Das sog. Rennen
Mit das Schönste am Urlaub sind die Leute daheim, die es einem neiden. In den 50er Jahren würde über Italienurlauber nur in der Kantine getuschelt, man wollte ja kein Kollegenschwein sein. Heute, wo jeder Depp seinen Urlaub auch von der Arktis bis zur Karibik verbringen kann, würde man nur noch mit den Achseln zucken, wenn jemand in Italien war - es sei denn, derjenige hat ein Blog und die Fähigkeit zu zeigen, dass dieses Land weniger ein nahes Urlaubsziel, sondern vielmehr in der Summe der Eigenschaften eines der schönsten Länder der Welt ist, und auch so erlebt wird. Denn dann kriechen sie aus ihren werbeverseuchten Löchern, die Blogkollegenschweine, und suchen nach Gründen, das Land und das, was passiert, zu diffamieren. Sie selbst verdienen ihr Geld mit Vergiftungsbeihilfen und Profilügen, und was stört sowas schon eine Doppelmoral, also wird gegiftet und Unwahrheit in die Welt gesetzt.
Dies hier ist ein distinguiertes Reiseblog, und anstatt ihnen jetzt mit Villon zu sagen, worin sie ihre Zungen schmoren sollen, möchte ich schlichtweg ein wenig aufklären über die Realität des Reiseziels Mille Miglia. Es ist extrem eunfach, sie zu diffamieren, sie ist ja ein Autorennen, Raser, Gefahr, reiche Leute, Angeber, gefährlich, und so weiter. Die Augen der PS-Monster starren einen an und verheissen abschmelzende Polkappen, Protzerei und Proletentum in altem Blech.

Das kann nur einer behaupten, der keine Ahnung hat. Zuerst mal die Sache mit den teuren Luxuswägen auf der Mille Miglia: Schon in ihren grossen Tagen als Rennen bis 1957 war sie nicht begrenzt auf Rennwägen. Es gab verschiedene Klassen, und mitfahren konnte so gut wie alles, was vier Räder hatte, vom Formel-1-Wagen wie dem Mercedes 300 SLR bis hinunter zur Economyklasse, in der Fiat Topolinos (31 PS in der Rennversion), Isettas (irrwitzige 21 PS) und Mercedes 190 Diesel mitfuhren. Kein Mensch käme auf die Idee, solche Wägen heute als Reichenspielzeug zu betrachten. Es ist die Unterklasse der Oldtimerszene, und auch die fährt bei der Mille Miglia mit. Grundsätzlich muss man also kein Multimillionär sein, um sich einen startberechtigten Wagen leisten zu können. Einen Wanderer bekommt man für den Preis eines Mittelklassewagens, und selbst ein Jaguar XK120 kostet heute immer noch weniger als ein abartiger Audi Q7 und ähnliche hässliche Totmacherbrocken. Wer von den verehrten Kollegen in den letzten 20 Jahre nicht täglich eine Packung Zigaretten geraucht hätte, könnte sich heute Wagen und Teinahme leisten.

Natürlich gibt es auch echte Rennwägen auf der Mille Miglia. Alles, was vor 1957 berühmt war, fährt hier auch heute. Und niemand wird bestreiten, dass es eine gefährliche Sache war, wie oben mit einem Ermine Rennwagen im normalen Verkehr über öffentliche Strassen zu brettern. Die Mille Miglia wurde zweimal nach furchtbaren Unfällen verboten, 1939 und endgültig 1957. Es war fraglos die richtige Entscheidung, denn während zu Beginn im Jahre 1927 die Rennwägen immer noch recht langsam waren, erreichten sie am Ende schon 300 km/h. Was da über die Landstrassen und letztlich mit der Folge von 12 Todesopfern in die Zuschauer flog, war schlicht und einfach extrem unverantwortlich. Heute würde man die Schuldigen des letzten schweren Unfalls einknasten, denn Enzo Ferrari hatte auf einen Reifenwechsel verzichten lassen, um Zeit zu sparen. Dann platzte ein Reifen, und es war vorbei, bis 1977, als das Rennen als Oldtimertour wiederbelebt wurde.
Es ist eine Gleichmässigkeitsfahrt. Die Teilnehmer gewinnen nicht durch das Rasen, sondern durch das Einhalten einer vorgegebenen Geschwindigkeit, die nicht niedrig, aber auch nicht jenseits des Tempolimits ist. Das ist kein Rasen, kein Rennen im eigentlichen Sinn. Für die meisten Teilnehmer dürfte ohnehin der Traum entscheidend sein, einmal diese Strecke mit ihren alten Lieblingen unter die Räder zu nehmen. Keiner prügelt einen Wagen zu Tode, den er mühsam dem Rostverderben entrissen hat. So schnell diese Wägen aussehen, so sehr ihre Kratzer und Mäuler vom Staubfressen bei Höchstgeschwindigkeit erzählen - hat sich unser Begriff der Geschwindigkeit geändert, während sie in der Geschichte stehen geblieben sind. Sie sehen aus wie Rennwägen. Sie waren mal Rennwägen. Heute… Der 1951er Eremini da oben war 40 Kilometer von Brescia bis Sirmione hinter mir. Es ist ein Ermini 1100 Sport, wiegt um die 680 Kilo und hatte zu seinen besten Tagen 82 PS. Er schaffte es tatsächlich, Team Schwarz in ihrem 115 PS starken und 1225 Kilo schweren Z3 zu überholen.

Dann war er durch alle Kreisel und Kurven hinter mir - mit der Barchetta, 135 PS und 1060 Kilo leistungsmässig auf Augenhöhe mit dem Ermini, der wie die mein Wagen letztlich auch nur ein umgebauter italienischer Fiat-Kompaktwagen ist. Wir fuhren zügig, aber nicht allzu schnell entlang der Zuschauer am Strassenrand, und ich hatte genug Zeit, ihn abzulichten. Ein Kreisverkehr später waren die Zuschauer dann wirklich in Massen am Ortsausgang, und man merkte: Die wollen was sehen. Und hören.
Der Ermini hinter mir trat auf das Gaspedal, und der Motor explodierte in einem dumpfen Grollen, als hätte man dem Höllenhund auf den Schwanz getreten. Die Vibrationen des infernalischen Lärms waren auch noch in meinem Auto fühlbar, und es schrie hinter mir: GEH WEG ODER ICH BRINGE DICH UM. Zumindest übersetzte ich den Ermini so. Nun war aber kein Platz im Gegenverkehr, vor mir war ohnehin das Ortsschild, und so gab ich eben Gas. Nicht wirklich viel Gas, ich lasse mich nicht hetzen, aber doch ordentlich. Die Barchetta wurde etwas lauter, irgendwo hinter mir grollte es weiter, aber es wurde dann ganz schnell leise.
Ich ging wieder vom Gas, und es dauerte eine halbe Minute, bis der Ermini wieder keuchend und hustend an meinem Heck war und brüllte: WENN ICH KÖNNTE UND DU EIN FIAT 500 MIT KURBELWELLENSCHADEN WÄRST, WÜRDE ICH DICH VIELLEICHT ÜBERHOLEN! Wenn, wenn, wenn… das da ist einer der besten Wägen des Jahres 1951. Jeder Mittelklassekoreaner könnte ihn abhängen. Wenn von den früher 82PS noch 60 im Motor wären, wäre ich überrascht. Diese Autos sind wunderschön, sie sind voller Legenden, aber nicht mehr voller Kraft, denn sie sind alt und stammen aus einer Epoche, in der sich kein Mensch SUVs vorstellen konnte, mit denen Verteter auf der Autobahn Rennen fahren.
Wer also Irrsinn von reichen, unverantwortlichen Arschlöchern auf öffentlichen Strassen sehen will: Freitag Nachmittag A9 München-Nürnberg auf der dritten Spur hat alles zu bieten. Alles, was man bei der Mille Miglia nicht finden wird. Die Piloten benötigen 14 Stunden von 9 Uhr Morgens bis kurz vor Mitternacht von Rom bis Brescia. Wir reden über ein “Rennen”, das mit Tempo 70 auf der Landstrasse ausgetragen wird. Die Legende war anders. Heute ist es eine Reise durch das schönste Land der Erde mit der Geschwindigkeit, die ich selbst als adäquat begreife.
2. June 2007 um 23:27
>Mit das Schönste am Urlaub sind die Leute daheim, die es einem neiden.
Das nennt man schon fies, so etwas auch noch zu schreiben … :D
3. June 2007 um 14:44
Ach ne… unter den kleinen Freuden kommt das ganz zum Schluss, weniger wert als eine Nudel.
3. June 2007 um 20:11
Ich habe den silbernen Ermini ja nur vorbei ziehen lassen, weil ich dachte, der kennt den Weg ;)
3. June 2007 um 23:24
tja lieber don,
da hättest du dich mal bei den bentleys oder den bugattis einklinken müssen und du hättest gesehen, das es 3 sorten teilnehmer gibt…
-sehen und gesehen werden und material schonen
-ankommen wollen und gute wertung
-UND!!! diejenigen die spass haben wollen! spass beim schnellfahren mit alten schönen autos…richtig schnell! ohne tempokontrollen, ohne ampeln, ohne vorfahrtsregeln…geduldet und GEFÖRDERT von der örtlichen polizeimacht!
ja, und die zuschauer wollen was sehen für das nicht erhobene eintrittsgeld…drifts in den kreisverkehren, slides am futapass und springen an den unzähligen brückchen in den unbekannten orten…
…und jetzt die übliche kritik von mir… einen 45er schnitt mit prüfungen auf den strassen incl. ortsdurchfahrten…selbst versuchen! dann mitreden!!! und dann noch die vorstellung im bugatti dicht an dicht zu sitzen, getrennt durch getriebe mit 65 grad!
3. June 2007 um 23:48
Also, wie gesagt: Ich bin im Pulk von Brescia bis Sirmione mitgefahren. Ich bin auf diesen 40 Kilometern nicht zu schnell gefahren. Mich hat kein einziger überholt, mit Ausnahme von einem Pulk Ferraris, die auf er Linksabbiegerspur verständlicherweise versucht haben, einem Stau von Gaffern zu entgehe. Ansonsten ist die ganze Strecke mit Posten gesichert, die die Teilnehmer durchwinken - die Strecke ist also praktisch kurzfristig für die Mille Miglia leichter zu befahen, besonders in den Kreiseln, und in den Orten ist alles voller Zuschauer. Aber diese Hilfe gibt es nicht an den roten Ampeln mit Ausnahme von Sonderprüfungen wie dem gesperrten Stadtkurs in Brescia und bei den Anfahrtszonen zu den Checkpoints. In Modena, wo ungefähr ein Drittel der Bilder her sind, war am Beginn des Corso eine Ampel. Und wenn die rot war, standen dort alle. Auch die Teilnehmer.
4. June 2007 um 20:44
Don, Du hast Recht, Italien ist wirklich eines der schönsten Länder der Welt. Ich bin gerade dort, in Malcesine, und werde in den kommenden Tagen etwas die Gegend unsicher machen - natürlich mit der Reiseenduro, mit der man auch mühelos dorthin kommt, wo jeder Q7 längst die Segel streichen muß. Danke für die Anregung, endlich wieder einmal herzukommen.
5. June 2007 um 11:58
Alles Gute wünsche ich Dir - und wenn Du in den Süden kommst, probiere unbedingt die Pasta in Vallegio sul Mincio im Bue d’Oro oder im La Borsa!
5. June 2007 um 23:52
Danke Dir - ich werde da sicher noch einmal hinfahren, ich Verrückter bin nämlich heute schon einmal komplett um den See gefahren, inklusive eines “Breakout” in die Berge von Garonde zum Lago d’Idro. Der Regen in höheren Regionen hat mich dabei nicht weiter gestört. Pausen habe ich in Bardolino, Sirmione, Idro und letztendlich Riva gemacht - da muß ich auch noch mal tagsüber hin, es wurde schon langsam dunkel als ich dort war.
26. June 2007 um 20:50
@don…na dann wiederhole ich mich mal…40-er schnitt erst mal selbst fahren!
und da du die enorme strecke bis modena gefahren bist, kann ich nicht mitreden…wir sind alles gefahren…und das bereits zum 11 mal! ein paar mal im pulk, meist als service und 4mal als teilnehmer….übrigens auch mal im pulk in einer barchetta, als sie in D noch nicht zu kaufen war!
ich empfehle dir mal ALLES mitzufahren und dann siehst du event. auch ein, das bei mind. 1400km rote ampeln, vorfahrtsregelungen und überholverbote “ausgesetzt” sind.
aber vorsicht, nach ca. 500km werden deine weissen handschuhe event. etwas schmutz ansetzen.
was gäbe ich darum jemand wie dich mal im real life kennenzulernen!
17. July 2009 um 9:10
Wenn man schon der Etceterini-Marke Ermini huldigt, dann sollte man sie wenigstens richtig schreiben, und nicht Ermine und Eremini.