Das Lob der fein beschuhten Asiatinnen
Es ist ein Elend mit den Strassen Oberitaliens: In Verona etwa gibt es hinter der ersten Etschbrücke eine Fahrbahnabsenkung, in die ich immer hineinrausche und mir diesmal das Radlager links vorne runiert habe. Ohne Rasen, einfach so, weil die Strasse kaputt ist. Und in den Innenstädten haben die Stadtplaner den Fussgängern eine schmerzende Hölle bereitet, denn nicht der Beton ist das bevorzugte Baumittel, sondern Kopfsteinpflaster mit riesigen Abständen, oder die gefürchteten Eiersteine, aus der Etsch gesammelte, abgeschliffene Steine aus den Alpen, die mit der Spitze nach oben verbaut werden. Das sieht toll aus, aber auch mit grossen Füssen ruht man selten auf mehr als den Spitzen von zwei oder drei Steinen. Das führt dazu, dass hier viele Italiener mit Sportschuhen, Moccasins oder sonstigen, gummisohlenbewehrten Abstandshaltern zu den harten Realitäten der Strasse herumlaufen. All die Pracht der italienischen Schuhmacherkunst ist für den Alltag der Städte nicht geeignet. Von all den zarten Pumps, die in den Geschäften angeboten werden, sieht man nichts. Frauen tragen gerne auch mal Ballerinas, bevorzugt in Gold, Silber und Bronze, den Lieblingsfarben der Saison. Für mich jedoch ist das eher augenkrebserregend. Und natürlich setzen Touristen dann den absoluten Tiefpunkt.
Wenn sie aus Deutschland, Resteuropa oder den USA sind. Auch Asiaten greifen gern zu bequemen Schuhen. Oft. Aber nicht immer. Denn während sich der Westen fast geschlossen der Schönheit entzieht, gibt es noch Frauen, die den Herausforderungen und Qualen entschlossen entegegentreten und auch hier lieber sterben würden, als grossartige Schuhe zu tragen. und es sind fast immer Asiatinnen.

Man betrachte nur die Haut, die perfekt pedikürten Füsse, den Glanz auf den Nägeln, den versetzten Gang, der die Füsse immer auf einer geraden Linie hält, und dann diese Schuhe. Hohe, aber nicht zu hohe Absätze, dünnstes Leder und weiche Stoffe, die perfekte Akzentuierung der Füsse und ihrer Form, und den Schatten - la Gradiva, die Schreitende, und dieses selbstbewusste Schreiten in das pflastergewordene Verderben, das bekommen heute nur noch die todesverachtenden Asiatinnen hin.
Das ist nicht nur der Wunsch nach Schönheit, das ist ein Fanal gegen die Realität, ein Aufschrei gegen das Banale und Gewöhnliche, sie schütten mit ihrem tapfer ertragenen Leid die Verachtung auf Europäerinnen aus, die sich dem Diktat der Strassenbauunkunst beugen. man sagt, Hochmut komme vor dem Fall, doch der Fall unserer Schuhkultur hat längst stattgefunden, und so ist es die asiatische Härte, die ein letztes Stück unserer eigenen europäischen Tradition rettet. Es kann sein, dass diese Göttin ihre Schritte vor allem auf Marmorplatten in Verona lenkt, es mag sein, dass ihre Wege taktischer Natur sind, aber zumindest gibt sie nicht klein bei. Andere Stammesgenossinnen stolpern noch auf ihren neuen italienischen Schuhen und ringen um Balance, das Lernen mag mitunter Wunden nach sich ziehen und Flecken auf makellosen beinen, doch nichts auf dieser Welt, noch nicht einmal der grobe Schotter aus der groben Bergwelt Südtirols wird sie je aufhalten, zum Wohle unseres italienischen Calzatore, unserer Schuhkultur und vor allem unserer eigenen Freuden beim Betrachten dieser tapferen Kämpferinnen, die doch zarter und eleganter nicht sein könnten.
29. May 2007 um 21:05
“Das ist nicht nur der Wunsch nach Schönheit”, das ist Schönheit. Wer da nicht bein-nahe zum Fußfetischisten wird, der ist sowieso schon tot.
29. May 2007 um 21:10
Die Spitzen oben am Bein! Die Spitzen!
29. May 2007 um 22:58
Spitzen-Spitzen, Spitzen-Bein…
29. May 2007 um 23:41
Zart besaitet, hart gesotten ….. war’n die Rokoko-Kokotten.
Also mal im Ernst. Etsch-Eiersteine hin, Kopfsteinpflaster her. Was mich wirklich tief beeindruckt hat waren besandalte Russinnen auf dem Berg Sinai.
Gleichwohl: An der hier gelebten Eleganz gebrach es ihnen. Trotz der italienischen Sandalen.
30. May 2007 um 13:01
Es gab da noch eine zweite Dame, die mir innerhalb von zwei Stunden zweimal in Verona über den Weg lief: Zuerst mit einem riesigen Strohut und Kostum, dann mit einem leichten grünen Kleid, und beide Male Schuhe zum Kirchenfenstereintreten - Sie hat sich zu Mittag umgezogen. Allein, nur für sich selbst, ohne verhuzelten Oligarchen aus Kasachstan. Das hat Grösse. Echte Grösse. Natürlich eine Asiatin.