16 Tons auf der Mille Miglia
Hinweis: Leute, die Nörgeleien aus einem Traumurlaub nicht ertragen, sollten jetzt weiterclicken zu irgendeinem käuflichen Stricherblogger, der für alles zu haben ist - da wird dann alles hochgelobt, solange ein anderer die Rechnung zahlt. Hier zahle ich selbst, das sind meine Unkosten, da kann ich mir das leisten.
Da waren zwei Opel Astra Kombi hintereinander, ein Deutscher und ein Italiener. Und beide fuhren in den Ortschaften zu schnell und ausserhalb zu langsam - immer konstant 65, bis zur Autobahnauffahrt, mit Vorliebe so in der Mitte der Strasse, dass an Überholen nicht zu denken war. Liebe Italiener: Verbietet Opel. Opels sind der Inbegriff des Schlendrians und des Sparens am falschen Fleck, der Ignoranz gegen Schönheit, es war sicher ein Opelbesitzer, der den herzöglichen Garten in Modena zu einem Stadtpark 3. Kategorie umgestaltet und den Palast dahinter zum militärischen Sperrgebiet erklärt hat. Opel ist der Auto gewordene soziale Defekt. Und der Einstieg in einen Weg nach Modena, der ohne diese Strassenverschmutzung auch in zwei statt drei Stunden zu machen gewesen wäre. Als ich dann ankam, war die Stadt restlos zugeparkt.

Aller Widernisse zu Trotz: Als es los ging, stand ich am Corso, die Fahrer kamen schräg gegen die Sonne rein, das Licht war um 18 Uhr nicht allzu grell - fast Idealbedingungen. Die Akkus waren voll, die Speicherkarten leer, und ich war zuversichtlich, zumindest 100, 120 gute Bilder zu machen. Als Schreiber bin ich kein Perfektionist, da mache ich eben, und meistens sitzt es beim ersten Versuch. Als Schreiber bin ich Profi. Photographieren kann ich - so lala. Ich bin dazu erheblich aus der Übung, und meine normalen Ziele sind unbewegliche Bauten und kaum beweglichere Apparatschiks aus Politik und Gemeinden. Vor diesem Urlaub habe ich lange das Erfassen, Scharfstellen und Abwarten des richtigen Moments geübt, und in Modena wurde deutlich, wie bitter nötig dieses Training war.

Denn meine Nemesis war weniger die eigene Unfähigkeit, das Ziel im richtigen Moment zu erfassen. Das Problem war, dass es in vielen Fällen das richtige Ziel einfach nicht gab. Die Mille Miglia findet im normalen Strassenverkehr statt, und das bedeutet, dass überall etwas im Weg sein kann. Wie etwa die Polizei, die schnell mal Busse aufhält, wenn die Wägen kommen. Und dafür ins Bild rennen.

Damit ist der erste Wagen vorbei. Aber es kommen ja noch andere. Und zwar sehr, sehr schnell. In Dreier- und Vierergruppen, weil sie zwar in Abständen starten, aber von Ampeln wieder zusammengefasst werden. Den ersten Wagen kann man bequem erfassen und ablichten, wenn keiner rein rennt. Alle anderen müssen dann in Bruchteilen von Sekunden ausgesucht, anvisiert und beurteilt werden - dann stellt die Kamera scharf, und dann ist der Zoom zu stark, und schon ist der Ausschnitt zu klein.

Und weil man immer nur diesen Ausschnitt im Sucher hat, geht man bei den kommenden Fahrzeugen nach Gehör. Abdrücken, Brummmm, da kommt noch ein alter Motor, rüberziehen, ups, er ist schon im Visier, abdrücken - und dann ist es superscharfer, perfekt erwischter Oldtimerspam. Denn nicht nur die Teilnehmer werden durchgewinkt, sondern auch andere, weniger alte Wägen von Schlachtenbummlern, Ferraris, Werbesportwägen, lauter Zeug, das an sich vielleicht gar nicht schlecht wäre, aber ich scheisse mit Verlaub auf jeden McLaren SLR, wenn ich ihn statt dem Bugatti erwische, um den es geht.

Den begleitenden Spam sieht man im Hintergrund. Das hätte eigenlich ein Bild mit mehreren Wägen werden sollen, und der erste wäre nach meiner Vorstellung noch nicht so weit in der Kurve gewesen. Scharf ist das Bild ungefähr fünf bis 10 Meter weiter draussen. Aber als der Wagen dort war, rannte der Typ links ins Bild, und ich musste ebenfalls nach links ausweichen. Da war es dann schon zu spät.

Und weil es nicht scharf ist, taugt es noch nicht mal als Ausschnitt. Das Framen ist bekanntermassen die Rettung des Sportjournalisten, da geht meistens was, aber nur, wenn man den richtigen Moment abgepasst hat. Das hier geht gerade mal eben so für das Internet, das ist das, was die meisten Hobbyknipser schaffen dürften - aber für meine Zwecke ist es untauglich.

Selbst schuld war ich mitunter auch. Hier habe ich nicht zu früh abgedrückt, noch bevor das Hinterrad im Bild war- ich hatte einfach den falschen Zoom eingestellt. Das erklärt sich so: Im Bild ist ein Bentley. So ein Bentley ist ein richtiger Lastwagen, ein Monster. Und er kam, als sonst nur noch kleine Porsches, Oscas und Maseratis unterwegs waren. Die haben auch auf das Bild gepasst, Klick, Klick - und dann der nächste, ich ziehe nach Gehör rüber, fokussiere auf den Punkt auf der Strasse, wo er durch muss, und ins Bild rauscht dieses Monster. Klick. Passt nicht ganz drauf. Wo ich Bentleys so schätze.

Aber nicht lang nachgedacht, gleich kommt der nächste, und zwar in so kurzem Abstand, dass die Kamera erst fokussiert hat, als der Wagen schon durch ist, und das Mitführen ist vergebene Liebesmüh. Ein weiterer unscharfer Wagen. Dem ausserdem durch die Nähe das Hinterrad fehlt. Ich nenne es das Bentley-Problem.

Das hier ist das Radlerproblem. Wie man sieht, wäre es ein perfektes Bild geworden. Ich hatte alle Zeit der Welt, mir einen passenden Ort rauszusuchen. Die Kamera war scharf, und 4 Meter weiter wäre es ein grossartiges Bild eines Ferraris geworden. Leider ist auf dieser Seite des Corso ein Streifen für an Oldtimern desinteressierten Radlern, und genau im richtigen Moment wäre der Herr rechts dort gewesen, wo ich dem Ferrari aufgelauert habe. Es folgte ein Notschuss, doch die Distanz war zu gross.

Ahhhh - eindlich mal ein gelungenes Bild. Ein Porschefahrer drückt aufs Gas, dass es ihm die Falten aus dem Gesicht bläst. Alles stimmt, das Licht, der Gesichtsausdruck, die Schärfe, die Reflexe. Ein perfektes Bild. Jetzt. Mit dem richtigen Ausschnitt.

Im Original ist dummerweise ein Bus hineingefahren. Es ging um Sekundenbruchteile. Wäre der Bus einen Wimpernschlag später gekommen, hätte ich den Wagen ganz erwischt. Wäre er nochmals später gekommen, hätte ich einen perfekt scharfen Porsche durch die Busfenster gehabt. Bei einem Ferrari habe ich das auch geschafft, aber das zeige ich nicht. Das versaut mir nur die Laune, wie das Bild eines Opels oder eines Blogstrichers.

Und nochmal: Einer ist durch, hübsches Bild von hinten, der nächste knattert heran, und das Herumreissen der Kamera reicht nicht ganz aus. Nur ein paar Grad, nur 2/10 Sekunden länger warten, und so ist zwar der Rotor vor dem Kühler scharf, aber nicht das Ziel erfasst.

Man kann da natürlich ein wenig rumschneiden und ausprobieren. Ist ja nur Internet und digital, da gehen Dinge, die ansonsten unmöglich sind. So lala.

Oder man nimmt ein Detail. Auch das ist gerade noch akzeptabel, das könnte man bringen. Wenn man, um auf die gute Nachricht zu sprechen zu kommen, nicht bei 300 Photos 160 Volltreffer hätte.

Wie diesen Alfa in voller Fahrt, bei dem alles stimmt: Die Gesichter! Die Reflexe im Chrom und in den Speichen, die Details und die Farben! Die Beschleunigung, die das Heck nach unten drückt, die Schärfe, die Farben - und er ist genau so im originalen Bild. Nichts ist rechts und links beschnitten. Dafür hat sich die Fahrerei gelohnt, das Warten hinter den hässlichen Opelärschen, das Benzin, die Autobahngebühr, und der Hunger. Dieser unglaubliche Hunger nach drei Stunden Konzentration, Abwarten, Chaos beim Abdrücken, all die vergebenen Bilder, die wegen der Rumrennenden, der Abstände, des Verkehrs und vielen anderen Gründen einfach nicht möglich waren. Drei Stunden Knochenarbeit. Eine verfluchte Schinderei, Hektik, Dauerstress, und dem nächsten Dreckschwein einer Zeitung, das mir erzählt, man könne die Arbeit eines Profiphotographen durch billige Amateurphotos ersetzen, die man sich bei Flickr gegen eine “Publikation bei unserem Medium” erwirbt, wünsche ich einen Ferrari 166 Inter mit 160 Sachen in die Magengrube. Damit er weiss, was Qualitätsarbeit bewirkt.

Ich bin danach am Rand des Corsos in eine kleine Spielhölle gegangen, die auch ein paar Panini hatte. Da drin gab es die schlechteste Pizza des Jahren, lauwarm, noch mal in den Ofen geschoben, lieblos mit hartem Käse und Pilzen und Tomaten aus der Dose belegt, und mit einem zu dicken und dennoch zu harten Teig. Es war das, was sie noch hatten, es war richtig schlecht, der Opel Astra Kombi unter den Pizzen, und es war so billig wie ein Blogstricher. Aber in diesem Moment, in dem ich alles gegessen hätte, war es die beste Pizza der Welt.
20. May 2007 um 17:59
Doch. Ich weiß, warum Profi-Fotos, vor allem Profi-Schnappschüsse teuer sind. ´`
Spätestens nach diesem Beitrag, den ich nicht als Motzen empfinde. Sondern als glaubhaften Erfahrungsbericht sehe von einem, der auszog, gute Bilder zu machen (des hätt’ i dir glaich song könna, das des so läfft… mit die Bildschlammspringer, dena bluadigen… gg).
Ob es aber auch die Amateur-Knipser-Billigbezahlenwoller geschnallt haben? Die hartleibigen unter denen natürlich nie, aber das ist immer so. Es fehlt einfach die eigene Erfahrung am eigenen Leib, sie können immer nur blöd daherreden.
Ich hätte auch mal eine sportliche Handkamera probiert, die große gutaufgelöste Bilder kann, und die dann schneiden.
Herrliche Fotos - vor allem auf deinem Beitrag Mille Miglia 3.
20. May 2007 um 18:01
Handkamera = meine ich gute Videokamera mit Steady-Cam-Qualitäten. Logisch.
20. May 2007 um 18:35
Wie schnell ist der AF deiner Kamera?
20. May 2007 um 19:46
Als Fotograf wünscht man sich manchmal ein Batallion Artillerie im Rücken, das die Bildstörer alle wegballert. Die besten Bilder sind immer die, die man verpasst hat. Ich leide mit.
21. May 2007 um 1:22
*lächel* Zu feige für eine offene Blende gewesen?
21. May 2007 um 12:52
Der Song passt.
http://youtube.com/watch?v=nmTgnpzPS64
21. May 2007 um 13:25
Wunderbar. Bei den Zoomausschnitten wünsche ich mir fast schon ein Line-Up der mitgeführten Stofftierglücksbringerle…
21. May 2007 um 15:15
Was Dir fehlt ist eine Serienbildfunktion.
Ich finde als Nichtautofreak übrigens den neuen Opel GT gar nicht so schlecht vom Design.
21. May 2007 um 15:23
Boer: Sehr schnell, aber was nutzt einem ein AF, der 0,3 Sekunden maximal braucht, und das Auto nach 0,2 Sekunden schon da ist. Serienbild bringt da gar nichts, leider. Der Fokus macht das einfach nicht mit.
23. July 2007 um 23:33
[…] Der kleinere Rahmen hat natürlich auch Vorteile. Gerade, wenn man Bilder machen will. Es ist überhaupt kein Vergleich zu den Tücken, die in Italien das Arbeiten zur Qual machen. Und die Altstadt von Eichstätt hat Dank ihres italienische n Baumeisters Gabrielli durchaus ein italienisches Flair. Ich vermute mal, dass es Holgi trotz der Einwände hier weitaus besser gefallen hätte. […]
21. June 2009 um 0:45
hi