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Bericht für einen älteren Herrn, dem nichts Menschliches fremd sein dürfte

Es fällt mir leicht, mich in neue Umgebungen einzufinden. Ich habe den Schlaf der Gerechten und den Hunger der Prasser, und beides passt vorzüglich zusammen. Gebt mir zu essen und einen Platz für die Nacht, und wenn es nicht gerade Berlin, Norddeutschland und die Restwelt ausserhalb der Mittelmeerregion ist, werde ich zufrieden sein und Lobgesänge dichten. Was mir weitaus mehr Probleme bereitet, sind die Visionen der Orte. Geht mir weg mit kretischen Palästen, das sind nur Trümmerhaufen, und kommt mir nicht mit dem Glanz ihrer Nachfolger, der heutigen Metropolen, all das ist schal und nichtig. Es sind ganz andere Dinge. Wie etwa mein neues Zimmer so gegen 18 Uhr.

Es ist in seinem 50er-Jahre-Charme, der orangen Bettdecke, den gerafften Vorhängen und diesem unglaublichen Licht über dem See die perfekte Kulisse für einen alten Film von Eric Rohmer. Es ist der Ort, um lange Gespräche um Nichts zu führen, mit exotischen oder zumindest südländischen Frauen, die gerade aus der Dusche kommen und sich nun auf dem Bett sorgsam eincremen, ein Badetuch nachlässig mit Schlitz um den Körper und ein Handtuch um die nassen Haare und dabei diesen unvergleichlichen Duft verbreiten, den nur Frauen erschaffen, die den ganzen Tag in dieser Sonne waren, und eben noch etwas feucht vom Wasser und schon etwas glitschig von der Creme sind. Es ist der Ort, wo sie nur etwas mit den Zehen spielen müsste, um alles zu sagen und alles zu fordern, aber weil es eben ein Film von Rohmer wäre, ist es genau das, was sie nicht tun, denn nur so kommt es zu den Gesprächen, denen man Erlösung in einem Fick wünscht und dennoch, dass sie für immer so sehnsuchtsvoll andauern mögen. Blöderweise ist es hier kein Film von Rohmer. Keine Frau. Ich bin allein. Und diese kurzzeitige Erkenntnis, der dann unfehlbar das typische Schulterzucken desjenigen folgt, dem das Schicksal dergleichen schon noch schenken wird, ist es, die das Einleben manchmal erschwert. Habe ich schon mal erzählt, was sich in meiner Jugend am Gardasee so alles ereignet hat, mit einem Mädchen? Nein? Also, das schreibe ich jetzt auf.

Ich öffne das Notebook, setze mich auf die Terasse in den Sonnenuntergang und feile an der ersten schlüpfigen Bemerkung, da knattert unten auf der Gardesana ein typisches Piaggo-Dreirad daher. Alt, sehr alt ist es, rabenschwarz und viel benutzt zu Transporten, die mit Beulen und Schrunden ihre Spuren hinterlassen haben. Das Dreirad erinnert so ein wenig an die Schwarze Pest, es stinkt nach Schwefel und ausserdem schliddert es in einer engen Kurve hier auf den Hof, einem silbernen Astra mit Düsseldorfer Kennzeichen und ebensolcher Astra-Geschmacklosigkeit in Menschenform an Bord die Vorfahrt nehmend. Und hinter dem verrussten Fenster winkt ein älterer Herr empor, der mir nicht ganz unbekannt ist. Ab und zu veröffentliche ich ein paar Insider über StudiVZ so spät, dass manche Verursacher mit dem Gesetz in Konflikt kommen und damit seine Opfer werden. Er ist allerdings kein Anwalt, sondern bei weitem nicht so schlimm: Lediglich später mal wird er die Seelen oder was manche da zu haben glauben über einem kleinen Feuer wärmen, in einer Pension mit dem Namen “Il Inferiori”. Was mir den Vorteil bringt, dass ich eben doch ab und an eine Frau mehr als üblich dazu bekomme, eingecremt mit ihren Zehen in meiner Anwesenheit zu spielen.

Es gibt einen Knall, und aus einem schwarzen Wölkchen “Klein-Tschernobyl” materialisiert sich der Herr auf dem Stuhl vor mir, Er grinst mich erwartungsvoll an, greift ungefragt nach einem Capelotto und sagt gedehnt: Uuuund? Hat Du was vollbracht zu meinen Gunsten?

Nein, sage ich, ich bin im Urlaub, und die Pfeifen von StudiVZ machen sich ohnehin alle Ehre beim Versuch, Holtzbrinck von der Methodik her bei Drückerkolonnen und der Springerpresse zu verorten. Also bin ich hier. Es gibt nichts für mich zu tun.

Ach komm, meint er, was ist mit Deinem Ehrgeiz? Ich weiss zufällig, dass Du in den letzten Tagen versucht hast, ein paar Frauen zu überreden, zu Dir nachzukommen. Und? Es war nichts. Rate mal, warum. Er will sich noch eine mit Risotto gefüllte Tomate greifen, aber beim Essen hört die Freundschaft und die Geschäftsbeziehung auf, also gebe ich ihm eine auf seine Gierbratzen.

Wir wissen beide, dass da nichts gegangen wäre. Die eine steckt mitten in der Scheidung, die andere ist ebenso traumhaft schön wie unglaublich treu, und in beiden Fällen wäre es darum gegangen, ihr momentan etwas derangiertes Leben zu verschönern. Sonst nichts. Getrennte Zimmer und Betten und überhaupt. Aber… ich habe vielleicht doch was für Dich. Einen - Berater.

Einen BERATER? Hahahahaha, freut sich der Herr, Berater sind phnehin auf mich abonniert, Berater kriegen wir ab Geburt kostenfrei bei Haus, das ist wie bei den Anwälten, Opel-Konstrukteuren, CSU-Politikern und Al-Quaida. Hör mir auf mit Beratern, wir haben da ein Platzproblem, inzwischen…

Aber der, insistiere ich, würde Euch schon bei Euren diesseitigen Geschäften helfen. Es ist nämlich so: Er ist ein Bekannter, und er ist gerade hier zu einem anderen Zweck am See. Ich habe ihn heute abgeholt, gab ihm den Schlüssel, und liess ihn fahren. Entlang der Gardesana, die heute das Blau von Postkarten aus den 50er Jahre hatte. Technicolor, die das Leben einfach glücklich einfärbt. Wir fuhren also erst mal runter nach Torri, dann über die kleine Strasse hinauf nach St. Zeno in Montagna, nahmen dort eine Kleinigkeit mit Blick über den See und fuhren dann zurück, und dann sagte er…

Was?

Was passiert, wenn ich heute Abend es nochmal bei S. probiere?

Er kratzte sich hinter dem rechten Hörnchen, schlug in seinem Notizbuch nach, packte einen Kugelschreiber mit dem Aufdruck “CSU - Stark in Bayern” aus und schrieb, dabei vorlesend: S., heute abend grosser Streit mit ihrem Freund um 10 Uhr. Ja, also?

Er sagte: Ich glaube, ich kaufe so einen für meine Frau.

Für seine FRAHAHAHAHAHA!, lachte er, kippte vom Stuhl und fiel vom Balkon. Unten lachte er immer noch, verwandelte seine Piaggo in eine Corvette, rief nochmal “Um 11 anrufen, ich mach das klar! Für seine Frau! Ich sterbe vor lachen! So fängt das Verderben an!” nach oben zu mir und brauste davon.

Wussten Sie, liebe Leser, eigentlich schon, dass sich die Hölle hier oben über den Handel mit gebrauchten Roadstern italienischer Herkunft und ihrer Wartung finanziert?

10ff

3 Kommentare zu “Bericht für einen älteren Herrn, dem nichts Menschliches fremd sein dürfte”

  1. stilhaeschen » Blog Archive » ich bin raus schreibt:

    […] [Ach, die Hölle finanziere ich? Damit kann ich leben. Und das Foto widme ich dem Don Alphonso eh.] […]

  2. jo schreibt:

    Kleiner Haken: Rohmer ist geradezu fanatisch, was das Drehen an den Originalschauplätze seiner Geschichten betrifft. Ich dachte beim Bild auf Rebellmarkt kurz an die Brücke aus “Le Genou de Claire” (Claires Knie, 1970). Der aber spielt am Lac d’Annecy (500km weiter westlich) in Frankreich und ist auch landschaftlich eher nicht vergleichbar. Ein Rohmer-Film, der am Gardasee oder einem See in Norditalien spielt, fällt mir gerade nicht ein.

  3. donalphonso schreibt:

    Da gibt es keinen. Aber es wuerde passen.

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