Fellini kam nur bis Peschiera
Da, wo ich herkomme, hat man keinen Zugang zum Thema Prostitution. Ich weiss, dass ein Grossteil der Männer in Deutschland Freudenmäddchen in Lohn und Brot halten, aber in unserem Viertel kann ich mir das bei niemanden der Generation meiner Eltern vorstellen. Bei ein paar Bekannten, die mit dergleichen anzugeben gedachten, ist das anders - aber auch nicht deren Verdienst. Es ist wie Glücksspiel so ausserhalb der Normen, dass es nicht mal zur Erziehung gehört, derartige Vergnügungen zu verbieten. Praktische Bekanntschaft mit einer Frau, die für Geld mit Männern schläft, machte ich erst mit 22 - und zwar bezeichnenderweise nicht horizontal, sondern als Kommilitonin in einem Nebenfach, die sich dergestalt den Luxus zum studentischen Einerlei finanzierte. Bis zu diesem Zeitpunkt speiste sich mein Wissen aus Büchern und - was in meinem Fall wirklich ungewöhnlich ist - aus einem Film. Dem Film schlechthin: La dolce Vita von Fellini.
Ich halte Anita Ekberg, die später in der Fontana di Trevi tanzt, für gnadenlos überschätzt. Es gibt in diesem Film genau zwei Frauen, für die sich zu sterben lohnte: Das Mädchen am Schluss und in der Strandszene, die sicher später die beste Frau der Welt wird, mit aller Reinheit und Neugier auf das Leben. Und Anouk Aimee, an der man, egal wie man disponiert ist, zugrunde gehen muss.Nicht nur, dass sie rasend schön ist, gebildet und elegant - sie hat auch keine Seele. Und dieser Mangel der Upper-Class-Tochter, der ihre Faszination ausmacht, kommt ideal in den ersten Minuten des Films zum Ausdruck. Sie fährt mit Marcello Mastroiani durch Rom und gabelt dabei eine Prostituierte auf, die unentwegt plappert. Anouk frägt Mastroiani, ob er auch zu solchen gehe, er sagt manchmal, und sie will wissen, wie das ist. Also fahren sie das römische Freudenmädchen heim, sie nimmt sie mit rein, und während sie noch plappert, verziehen sich Mastroiani und Aimee zu der Pornoszene hinter dem Vorhang, die die schönste der Filmgeschichte ist, weil es ohne Seele ist, hemmungslos und absolut, so absolut, dass Aimee danach wieder hinter dem Vorhang auftaucht und sich wie eine Hure fühlen will, aber nichts, weder der seelenlose Sex noch die Umgebung kann dieser Frau etwas anhaben.

Nun kenne ich keine Anouk Aimee, und würde man mich fragen, so müsste ich im Gegensatz zu Marcello eingestehen, dass ich nicht nur dem Fleisch und dem Alkohol und dem Rauchen abhold bin - sondern auch den Freudenmädchen. Ich bin, fürchte ich, letztlich der moralischte Mensch von der Welt. Ausschliessen würde ich den Gang in ein öffentliches Haus natürlich nicht, es ist auch keine Frage des Geldes oder gar einer Moral - aber nun ist es einmal so, dass die Literatur und das Leben es verstanden haben, Begier nicht durch den Akt allein vollkommen werden zu lassen, sondern besonders das “davor. Die Annäherung. Die Unsicherheit. Das Zittern der Lippen. Der erste Knopf. Ich bin mir sicher, dass Prostituierte extrem gut sind, was den Akt als solchen angeht, aber leider ist das nur ein Teil dessen, was ich will. Und ich will alles. Nicht nur das Desert, bitte vorher auch die Pasta und den Salat.
Dennoch schreibe ich hier über Prostitution und die Faszination, die von ihr ausgeht, denn wenn man tagsüber oder auch nach dem Sonnenuntergang von Verona nach Peschiera del Garda fährt, erinnert das alles doch sehr an Fellini. Besonders in der Nacht. Neben den Afrikanerinnen stehen alle paar Kilometer in den Einfahrten junge Frauen, die in Aufmachung, Gestik und Zurufen - ich bin ja offen unterwegs und höre deshalb die Lockrufe - auf wundersame Weise an die Freudenmädchen Fellinis erinnern. Die meisten sehen fast schon anheimeld orthodox aus - knapp angezogen, hohe Schuhe, die unvermeidliche Handtasche. Manche, ohne das verharmlosen zu wollen, sind wunderschön. Es variiert vom Typus “kurzberocktes Schulmädchen” über “Sekretärin mit Blazer und Netzstrümpfen auf Abwegen” bis zu “bessere Tochter mit Perlenkettchen hat sich verirrt”, dürfte aber samt und sonders den wirtschaftlichen Problemen Mittel- und Süditaliens geschuldet sein.

Kurz, es geht zu wie in der U-12-Version von Second Life, es hängt so ein seltsamer, melancholischer Eindruck der bewahrten Vergangenheit Fellinis über dem Geschehen. Rom ist nicht mehr das, was es in seinem “Roma” war, aber an dieser Strasse, zumal da bisweilen auch ein wenig mit 50ies-Glamour und grossen Sonnenbrillen gespielt wird, an dieser Strasse ist es so wie im Film. Ich kann leider nur ein paar Brocken Italienisch, und eine Anouk Aimee sitzt auch nicht neben mir im Roadster. Insofern erübrigt sich also das Ansprechen dieser Damen, aber nur zu gern wüsste ich, ob sie nicht vielleicht auch irgendwo in einem der Dörfer an der Strecke ein Zimmer gemietet haben, oder eine kleine Wohnung, oder einen Raum in einer toleranten Pension, vielleicht sogar zusammen einen verschwiegenen, kleinen Bungalow etwas abseits betreiben, umgeben vom saftigen Grün der Weingärten, wo sie dann die Türen aufschliessen zu Lotterbetten so gross wie Ozeane, und draussen diskret einen Kaffee machen würden - wenn man sie dafür nachher nur gut genug bezahlen würde, sollte man denn diese eine Frau dabei haben, an deren Seelenlosigkeit und glänzender Schönheit man sich diesem Umfeld den Reiz und gleichzeitig das Scheitern des Lebens zuziehen möchte.
Das sind so die Gedanken, die man hat, wenn man allein im Roadster vom Gardasee nach Verona fährt. Seltsam, fern der Realität, und die einzige Frau, mit der man das machen würde, und die das auch tun würde - die ist weit, weit weg und langweilt sich in der Fürsorge eines Anderen.
26. April 2007 um 21:29
Das kann man ja fast schon als Skizze zu einem Essay lesen, aber unabhängig vom Sujet: das pollenfreie Italien macht dir anscheinend den Kopf gut frei. Mehr, mehr, mehr!
26. April 2007 um 22:10
Oh aber bitte, Prostitution und Literatur, und wie das geht, auch für “höhere Söhne”.
Da gibt es doch die Geschichte bei Stendhal: De l’amour.
Ein Mann sieht eine attraktive Frau auf der Straße, geht ihr nach, beginnt zu träumen. Was er tun würde, um sie zu erringen, alles, auch das Unmöglichste, die Phantasie geht mit ihm durch.
Die Frau erreicht ihre Wohnung, dreht sich um und fragt ihn, ob er mit hinaufkommen will.
Traurig dreht der Mann sich um und geht…
27. April 2007 um 0:48
Also bei uns auf der Reeperbahn, da kommt es einem selten so romantisch. Wenn schon eher so Kiezromanisch. Das aber ist schwer in Worte zu fassen. Am besten schaffen das noch die Astra-Werbeplakate.
27. April 2007 um 0:57
Die Nuttenwohnung neben mir ist ja nun dicht gemacht worden, aber diese Anouk Aimée, diese rasend schöne, seelenlose Frau, die alles das mitmachen wollen (!) würde und sich stattdessen weit, weit weg in der Fürsorge eines Anderen langweilt - ganz wunderbar beschrieben.
27. April 2007 um 11:38
[…] Als ich so um die 18 war, war ich Abonnent des Playboy. Aha *verstohlenes Grinsen*. - Falsch. Wenn ich unbekleidete Frauen als Vorlage für Selbstbefriedigung haben wollte, hätte ich mir auch Wochenend oder St.Pauli Nachrichten kaufen können. Die waren viel schärfer (der Playboy war nie “scharf”) und vor allem billiger. Nein, es war damals schon meine Verliebtheit in die Sprache. und in Ermangelung des Internets, war der Playboy nun mal das Periodikum mit den besten Beiträgen. Ich bin mir bewusst, dass das viele behaupten. Wer das als Behauptung abtut, beweist in meinen Augen eine hohe Inkompetenz. Genießen und schweigen; das gilt immer noch. Das Internet schwitzt manchmal auch literarische Kleinode aus. Und da bin ich im GT Blog gerade fündig geworden. Der Artikel vom Don (Click) war Auslöser für diesen hier. […]
27. April 2007 um 14:32
logog, leider ist es nicht so, demnaechst werde ich eine Firma in Frankfurt verklagen. Und Avantgarde, so eng sehe ich das absolut nicht. In meinen Augen ist es ein faires geschaeft, eine Dienstleistung eben. Die eben nur nicht das meine ist, solange ich noch jung bin. keine Ahnung, wie das mit der Existenz als alter sack sein wird. Und die Reeperbahn hat mit matt Wagner durchaus einen wuerdigen Chronisten gefunden. Falls ich dem nacheifern konnte und es gefaellt, dqann ist es ja gut.
(warum eigentlich reden ueber sowas immer nur Maenner?)
28. April 2007 um 9:03
Ich kann an Prostitution nichts romantisches entdecken und ich finde auch nicht, dass sie ein Geschäft wie jedes andere ist oder irgendwie fair.
Ich hatte einmal ein Gespräch über das Thema mit zwei Studentinnen. Eine war aus Argentinien, die andere war eine indisch-stämmige Amerikanerin. Sie teilten die Ansicht, dass Prostitution eine gute Möglichkeit für arme Frauen sei sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ihre eigenen Privilegien nahmen sie für selbstverständlich, so nach der Art: arme Leute gibt es eben.
Kürzlich stand auch ein Artikel, ich glaube in der SZ, in dem endlich relativiert wurde, wer nun eigentlich die Freier seien. Auch da herrscht zumindest in Deutschland eine romantische Ansicht, die in keiner Weise der Realität entspricht. Es sind überdurchschnittlich viele gewalttätige und frauenverachtende Männer darunter.
In Schweden ist Prostitution verboten. Bisher hört man aber nichts darüber, dass dort die Vergewaltigungen zugenommen hätten.
28. April 2007 um 12:57
Es ist sicher auch nicht romantisch. Auch nicht im Film von Fellini. Sicher nichts, was man moegen muss. Ich bin da auch etwas gespalten; wer die Emma liest, kennt das Problem, dass sich Prostituierte durchaus auch als emanzipierte Dienstleisterinnen definieren. Was etwas ganz anderes ist als die gar nicht seltene Zwangsprostitution. Aber das ist ohnehin nicht das praezise Thema, eigentlich, hach…
28. April 2007 um 19:22
Nicht Zwangsprostitution, doch Prostitution als freiwillige Dienstleistung ist wirklich eine gute Tat. Wenn wir anderen deshalb weniger angesabbert werden, finde ich es gut, dass einige diesen Job übernehmen. Glücklich der, der ohne ihre Leistungen auskommt.
28. April 2007 um 22:32
Ungluecklich jedoch der, der weder die Sprache gung beherrscht, nach diesem komplexen Sachverhalt einer Zimmerueberlassung zu fragem, und keine Aimee zu haben. Womit wir bei mir waeren.
17. June 2007 um 11:40
[…] Und ich finde es auch entspannend, dass meine alten, durch damailge Mitschüler entstandenen Vorurteile nicht wahr wurden. Wir hatten nämlich welche, deren erste Handlungen nach dem Erwerb des Führescheins eine Fahrt nach Holland in die Rotlichtviertel und Drogenszene war. […]