Israest IV: Wolfson Street
Es gibt so gewisse Tage als jüdischer Journalist, da fragt man sich, ob das Eintreten für Verständigung wirklich noch Sinn macht. Ich bin ganz sicher keiner von den verbohrten Hardlinern, was den Frieden im Nahen Osten ausmacht, ich habe ein paar Punkte, über die man reden kann und andere, die der anderen Seite sauer aufstossen. Solche Punkte haben die auch, aber immerhin finden sie in mir jemanden, der erst mal zuhört, was sie zu sagen haben. Dummerweise kommt sehr, sehr oft ein Punkt, bei dem ich dann wirklich nicht mehr kann: Wenn es um das Existenzrecht Israels geht. Ich kann aus meiner Erfahrung mit Palästinensern sagen, dass dieses Recht gewohnheitsmässig bestritten wird, wie man auch ansonsten recht lässig zum Thema Terror steht, der dort als Freiheitskampf verherrlicht wird. Und man akzeptiert es irgendwann: Die wollen nicht. Die finden das, was geschieht, irgendwo cool. Vielleicht, weil sie instinktiv wissen, dass der Bürgerkrieg in dem Moment kommt, wenn Frieden mit Israel einkehrt. Vielleicht aber auch nur, weil sie nie etwas anderes kennen gelernt haben. Und ganz sicher, weil ihnen Israelis letztlich am Podex vorbeigehen. Ich bin immer glücklich, Palästinenser kennenzulernen, die wenigstens mal drüber reflektieren, aber wenn da ein Publikum ist, geht es meistens in die Propaganda. Und da schalte ich dann ab, sitze blöd runm und ärgere mich über die Zeitverschwendung.
Vor vier Jahren war ich mal auf genau so einer Veranstaltungt. Eingeladen hatte eine diplomatische Vertretung eines arabischen Landes, die Grundidee klang prima, also bin ich hin, um faktisch dem Aufruf beizuwohnen, die Juden ins Meer zu treibem. Das Ding hatte seine eigene Dynamik, es begann als zartes, diplomatisches Ballett und endete als islamistischer Hexensonntag. Ich fühlte mich missbraucht, verarscht, reingelegt, und genau das sagte ich dann auch einem der Gastgeber. Der wiegte den Kopf hin und her, hörte sich meine Ausfälle an und sagte dann in schonungsloser Offenheit: “Ach, Herr Porcamadonna, nehmen sie das nicht so ernst. Unter uns: Keiner will Israel zerstören. Israel hat die besten Bordelle und Bars und Geschäfte des Nahen Ostens. Das zerstört man nicht.”
Und als ich letzte Woche durch die Wolfson Strasse im Süden tel Avivs schlenderte, verstand ich, was er meinte. Nein, dort gibt es keine Bordelle und auch keine tollen Bars. Aber hier reihen sich die Lampengeschäfte aneinander, und nicht wenige orientieren sich eindeutig am oriantalischen Geschmack:

Es ist wie so oft in Tel Aviv: Gewisse Bereiche sind stark von einzelnen Branchen geprägt. Etwas weiter nördlich gibt ein eine ganze Strasse voller Kurzwarenhändler, und hier haben sich die Lampenverkäufer breit gemacht. es gibt einfach alles, eine enorme Auswahl von der kleinen Tischlampe bis zum sechs Meter hohen Korbleuchter, der allenfalls in einer Moschee Platz hat. Koppelbauten schreien nach solchen Monstern in Kristall und Gold, nirgendwo sonst auf der Welt sind diese Leuchter noch so gefragt wie im Nahen Osten.

Und so verwandelt sich die enge Wolfson Road gerade in der Dämmerung zu einer irrwitzigen Szenerie, eine surreale Stadtlandschaft mit bröckelnden Fassaden und voller Glanz, Licht und Funkeln. Formal gibt es keine Grenzen, alte und neue Formen hängen durcheinander, die Strasse ist von den Auslagen her in gleissendes Licht getaucht, und tatsächlich sieht man auch die arabische Kundschaft, die sich hier eindeckt.

Wobei, auch als Europäer würde man hier gerne… also, wenn man noch Platz hätte…
21. February 2007 um 18:18
Du solltest dich vielleicht langsam über die Frachtkosten für ganze Container informieren. Und vor dich hinsummen: ich hab noch ‘nen Container in Tel Aviv.
21. February 2007 um 19:33
Der Bogen von den Auseinandersetzungen zwischen Isreal und den Palästina über Puffs und Bars zu den Träumen von orientalischen Kronleuchtern war etwas äh — gewagt. Aber irgendwie auch elementar logisch.
Vielleicht wäre dort mal Ruhe, wenn die UN in ihrer unendlich langsamen Weisheit in Jerusalem ihr Hauptquartier aufschlagen würde. Wenn dann ca. 3,5 Milliarden Menschen, die ihr religiöses Zentrum, eines ihrer Zentren oder ihren Ursprung in Jerusalem haben, sich dann wegen der UN dort unheimlich lieb haben müssten: _das_ wäre schon schön.
PS. Wirklich phantastische Leuchter! Aber dann müsste ich mir eine Behausung drumherum basteln, die das Vier-Familien-Haus meines Vermieters im Erdgeschoss verschlucken würde. Das fände der nicht mal im Ansatzt wirklich gut. Schade :-)
22. February 2007 um 22:54
Wenn die Uno dort einziehen würde, gäbe es einen multilateralen Bürgerkrieg.
Und es gibt durchaus auch flachere Kronleuchter. Nur haben arabische Häuser einen durchlaufenden Treppenschacht, da kann man sowas prima hängen.
Und logog, für 150 Dollar kommt der 2 mal 2 mal 1,5 Meter grosse Karton bis für die Haustür.