Jaffaismus oder eine ehrliche Antwort
“When will you come back” war eine oft gehörte Frage am Ende dieser Israelreise. Nicht, weil ich zu viel für die Teekanne gezahlt oder der Abulafia Bäckerei den Tresen leergegessen habe, sondern einfach so. Das impliziert, dass sie davon ausgehen, ich würde ohnehin zurückkommen. Und das ist so einfach nicht zu sagen. Was bei allen anderen Ländern mit einem halbwegs klaren “Ja”, “nein” oder “Nur wenn” zu beantworten ist, fällt bei Israel nicht leicht. Denn schliesslich versteht sich dieser Staat qua Gründung als meine Heimat.
Und wenn man sich die Fragen bei offiziellen Stellen anhört, die irgendwie davon ausgehen, dass ich auch einen israelischen Pass haben könnte, verstärkt sich der äusserliche Druck. Wenn ich betone, dass ich natürlich keinen israelischen Pass habe, schaut man verwundert. Es ist bisher immer klar gewesen: Das Land da unten ist halt da, so wie eine Synagoge da ist und die Bilder von Verwandten, die vor Äonen da rein gegangen sind. Die Geschichte ist so gelaufen, wie sie gelaufen ist, mit Säkularisierung, Vernichtung, Überleben, Abkehr, Verleugnung, Wurschtigkeit und Wiederentdecken. Ich habe mir diese Vorfahren nicht rausgesucht, ich tue mehr als die meisten, um der geschichtlichen Verantwortung gegenüber “meinen Leuten”, wer immer sie auch sein mögen, gerecht zu werden, aber ansonsten ist es mein Leben, und da tue ich, was ich für richtig halte. Auch gegenüber dem Land da unten.

Ich kenne da unten wunderbare Leute, und habe auf dieser Reise noch einige mehr kennengelernt. Ich kann die Deutschen verstehen, die es magisch in den Spielplatz Florentine und andere heisse Gegenden von Tel Aviv zieht, die nochmal mehr Möglichkeiten bieten als das Schanzenviertel in Hamburg oder Berlin Mitte. Auch meine Kollegen, die mit deutschem Gehalt und israelischen Preisen ein gutes Leben führen, mit sonnigen Wintern und Jahresurlaub im Sommer daheim im kühlen Wanne-Eickel. Und ich verstehe auch die, sie sich dort eingerichtet haben, trotz all dem Müll, dem Niedergang, den Behörden, den Steuern, dem Terror, dem Verkehr und den routinemässig abgehandelten Kleinkriegen.
Ich verstehe es, weil das, was für sie Israel als Ganzes akzeptabel ist, für mich Jaffa ist. Jaffa ist eine phantastische Stadt, mit all der Geschichte und Verheissung, die weder Nobelappartments noch Kitschparks je werden vergessen machen. Als ich am ersten Tag wieder nach Jaffa gefahren bin, immer am Meer entlang, und hinter dem Hügel die Sonne unterging, da hatte ich dieses Gefühl des Heimkommens.

Aber auch nur dort. Denn Jaffa ist nicht nur ein einzigartiger Ort der westlichen Welt, es ist genau auf der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident, und letztlich nichts von alledem, es ist ein uneingelöstes Versprechen und beide Kontinente in ein paar Strassenzügen untrennbar verschmolzen. Auf dieser Felsnase im Meer hat keine Ideologie, keine Religion, kein Staat richtig begonnen, und das macht Jaffa so anders, von den verstaubten englischen Teekannen im Fenster eines Händlers bis zu den Teppichen des Iran, die nach zwei Stunden doch jemand mitgenommen hat. Jaffa ist eine Welt für sich.
Israel dagegen ist ein Land, das es nie geschafft hat, mit den Gegensätzen fertig zu werden. Formal demokratisch und dennoch ein Unterdrücker im Westjordanland. Theoretisch westlich und tatsächlich runtergekommen wie der Orient. Sozialistisch angedacht und bescheuert orthodox beeinflusst. Es ist nicht immer das Schlechteste aus beiden Welten, das dort zusammen kommt, aber genug, dass ich alle paar Stunden daran erinnert werde. Und zwar so überdeutlich, dass ich es nicht verdrängen kann. Und genau das ist das einzige, was ich diesem Land da unten zugestehe: Dass ich dort zumindest eine Bereitschaft mitbringe, mehr zu verdrängen als andernorts. Das macht mich zu einem schlechten Zionisten, aber so wichtig ist es mir auch nicht.

Mehr noch als der Terror und der mangelnde Wille zum Frieden, das selbstverständliche Blagenzüchten und der Einfluss der religiösen Jungs in Schwarz geht mir als Deutschen aber die Gleichgültigkeit der Leute auf die Nerven. Ihre komplette Empfindungslosigkeit gegenüber Geschichte und deren Zerstörung, egal ob sie Freund oder Feind betrifft. Dieses Land ist so voll mit Geschichte, die die Gegenwart immer noch beeinflusst, alle berufen sich darauf, weil es ihnen passt, aber keiner schert sich um die Relikte. Das ist halt so. Da macht man nix, dieses Land bröckelt und zerfällt, man mauert mal eben zu und haut weg und macht lieber Filmberichte über den neuesten modernen Schmarrn, den Starck in Tel Aviv hochzieht. Damit werde ich niemals können, es ist immer präsent, man kann keine 50 Meter gehen, ohne nicht irgendetwas zu sehen, wofür man als Denkmalschützer ein paar Leuten was in die Fresse geben möchte.
Und deshalb, für mein eigenes Wohlbefinden, sage ich: “Ja, aber.” Und dann kommt sehr, sehr viel. Ja, ich würde für ein halbes Jahr nach Israel ziehen, um dort per Blog die Restaurierung eines Bauhaus-Gebäudes an der Yafo Road zu dokumentieren. Ja, ich komme gerne jederzeit und erzähle was über Blogs und deutsche Juden. Ja, ich liebe Jaffa. Aber: Wenn ich die Wahl hätte zwischen dem gleichen in Italien, Frankreich, Kroatien, Portugal und Israel ausserhalb von Jaffa, käme dieses Israel auf dem letzten Platz, trotz aller Sympathiepunkte, die ich dem Land freiwillig gebe. Zu mehr reicht es einfach nicht. Da hilft es auch nichts, dass es von meiner nicht schlechten Dachterasse meines Stadtpalastes 700 Kilometer zum Meer sind, statt die drei Minuten, die man von der Dachterasse des Old Jaffa Hostels bis zum Strand geht.
20. February 2007 um 19:23
Verräter!
20. February 2007 um 19:54
Meshuggener Goy! ;-)
9. June 2007 um 20:56
[…] Na gut, kann man sagen, Barbarossa kannte das wunderbare Jaffa nicht und das runtergekommene Bergkaff Jerusalem auch nur aus den Legenden, da kann man schon mal danebengreifen bei der Ortswahl. Was Barbarossa dann auch tat, als er beim Kreuzzug nach Jerusalem ertrankt. Sein Vorgänger Karl der Grosse, der Bauherr, kam dagegen nur bis Rom, zwecks einer Art Kartellbildung mit dem Papst. Karl der Grosse war ein Verbrecher, ein Widerling, ein heimtückisches Monster und jemand, den wir heute vor ein internationales Tribunal stellen würden. Was ist so ein Raubüberfall der Ungarn des 10. Jahrhunderts gegen den Ausverkauf, den Karl zugunsten seiner Freunde in der Kirche gemacht hat? Karl war ein Warlord, sein Clan hat die Vorgänger heimtückisch ausgelöscht und Widerstand gnadenlos unterjocht, und wie keiner seit dem römischen Imperium bediente sich Karl der Ideologie, des korrupten Glaubens und der Propaganda. Hier manifestiert sich das europäische Unheil, das über die Kreuzzüge seinen vorläufigen Abschluss im evangelischen Kirchentag findet. Karl war kein Vorbild für geeintes Europa, da könnte man auch Stalin nehmen. Aber das allein heisst nicht, dass man als ignoranter Volltrottel einfach am zentralen Bauwerk und Kunstschaffen der Epoche vorbeirennen darf, meine Herrschaften. […]