Nächste Stunde in Jerusalem
Es gibt Irre bei uns, die meinen, dass Juden in Jerusalem bis zur Wiederkehr des Messias nichts verloren haben. Wer immer für meine heutige Reise über läppische 62 Kilometer das Schicksal beeinflusst hat, muss sich prima mit diesen Leuten verstehen, denn es dauerte am Ende länger als der Flug von München nach Tel Aviv. Debei fing alles ganz lässig an: Aufstehen, Gepäck im Hotel unterbringen und nur das Allernötigste mitnehmen - wer will schon in Jerusalem bleiben, wenn Jaffa das Meer hat - und dann ab zum Bahnhof mit dem Taxi. Gerade mal 19 Schekel, etwa 3,50 Euro kostet die Zugfahrt, und weil die Scheiben wie immer verdreckt waren, fiel der Blick auf andere Schönheiten des Landes (Zotenquote für heute erfüllt)

In Ashkelon ist ein Stützpunkt, und so leerte sich der Zug schnell von seinem handynierenden Inhalten. Dann kam es eine Durchsage, irgendwas mit Jerushalaim, und das Gemurmel machte klar: Das bedeutet nichts Gutes. Tatsächlich teilte der Schaffner dann mit, dass es zwei Stationen vor Jerusalem nicht weiter geht und ich umsteigen muss. Immerhin hatte ich diese Information, andere standen eher ratlos auf dem Bahnsteig. Dann kam ein Zug aus Richtung Jerusalem, die Leute stiegen in den Zug, aus dem ich gekommen war, und ich fragte, ob der hier nach Jerusalem geht.

Tut er, hiess es. Also sass ich eine Stunde im Zug, las das philosophische Wörterbuch von Voltaire, und wurde langsam ungeduldig. Bei “Philosoph” angekommen, ging ich zur Station und fragte nach. Die Antwort: Der Zug geht in einer Stunde. Oder später. Vielleicht. Was keine befriedigende Antwort ist, wenn man bei einem Kongress erwartet wird. Andere Möglichkeiten? Nun, Bus 415 ginge vor der Station die Strasse runter nach Jerusalem. Immerhin musste ich den Bus nicht gross suchen: Er fuhr beim Verlassen direkt an mir vorbei, und so kam ich bis zur Busstation zu meinem Frühsport.

Ich habe daheim übrigens versprochen, niemals in Israel mit dem Bus zu fahren. Aber es war schon fast Mittag, und so kam ich für 13,50 Schekel für 25 Kilometer wenigstens in den Genuss einer wunderschönen Nachbarin, deren superkluge Brille in einem bedauerlichen Gegensatz zu ihrer Handytelefoniererei, aber nicht zum Essen von Knoblauchchips stand, und sauberen Fenstern mit Blick auf die Region der berühmten Bergstrasse nach Jerusalem, mit der die Stadt im Unabhängigkeitskrieg versorgt wurde. Mein Ziel liegt übrigens nahe des Zentralbahnhofs, aber weit entfernt vom Busbahnbahnhof. Wodurch das Verhältnis Entfernung/Preis nochmal sprunghaft nach oben ging.

35 Schekel für die etwa 5 Kilometer Strecke war der Deal mit einem Taxifahrer, der erkennbar wenig Lust auf eine saubere Abrechnung hatte. Aber ich hatte keine Lust mehr auf weitere Bröckelkommunikation mit Busprsonal, das sich auch nicht wirklich auskennt, und so kam ich in den Genuss von 30 km/h Geschwindigkeitsübertretung in der Innenstadt bei gleichzeitigem SMS-Verfassen durch den Fahrer.
Man muss sowas mögen. Es wurde etwas teurer, aber ich hatte meinen Spass, und jetzt bin ich im Van Leer Institute in Jerusalem, und alles ist gut.
14. February 2007 um 15:33
…und sonst gäbe es ja schliesslich auch nichts zu erzählen!
14. February 2007 um 15:41
Ach, ich habe so viel noch nicht geschrieben, ganz schlimm ist das. Eigentlich müsste ich 24 Stunden bloggen.
14. February 2007 um 15:42
Ach so, die Dame war eigentlich für Dich gedacht, Stichwort schöne Menschen.
16. February 2007 um 16:35
[…] Es wird ein langer, harter Weg, sicher auch mit Irrwegen, Frustrationen und Rückschlägen, man weiss nie, ob man mit dem Zug losfährt und am Ende doch das Taxi nehmen muss. Aber da waren gestern welche auf dem Podium, die den ganzen Weg gehen werden. Und natürlich auch manche, die rufen, dass es gefährlich wird und wir am Ende der Reise kein Hotel mit Vollpension und organisierten Fahrten zu den alten Ruinen gebucht haben. […]
20. February 2007 um 0:31
[…] Ich vermute mal, sie träumen von einem Judentum, das man sich auch als letzter Schrumpfgermane irgendwie für den nächsten prowestlichen Stammtisch erfickt, wenn man mit so einem Uniformmädchen was hatte. Dazu kommt es natürlich nie, aber auch solche Typen dürfen absurde Sexphantasien haben. Material liefern die grossen Photoagenturen und mitunter auch von der Bahnfahrt gelangweilte Blogger. […]