Zeit haben in Innsbruck
Ich könnte manchmal auch nur Menschen besichtigen, die eine Runde nichts tun. Siesta halten, keinen geregelten Tagesablauf haben - und, bittschön, ohne dabei in schlechten Cafes zu sitzen und von ihren Projekten berichten, während vor ihnen das Notebook Tätigkeit simuliert. Ich habe den Eindruck, dass solche Leute weniger werden, je weiter man in den besser verdienenden Süden kommt, und in Innsbruck sind sie dann völlig ausgestorben. In München sind sie schon selten, und kommen wohl aus Arbeitsgründen nicht mehr über die nördlichen Kalkalpen.

Ich wüsste auch nicht, dass hier jemand eine flächendeckende Versorgung mit WLAN gefordert hätte. Es kame vermutlich auch ein wenig schräg rüber, wenn man im schönsten Cafe der Stadt, das im Innenhof von Schloss Ambras zu finden ist, jetzt businessmässig rumhampeln würde. Ambras ist ein Lustschloss der Renaissance, und genauso erfreulich und den Tagesgeschäften abgewandt geht es hier auch zu. Wem es zu langweilig wird, kann mal sein Glück an den hier rumlaufenden Pfauen versuchen, sie zum Schwingen der Räder zu bringen.

Die Pfauen sind der Rest des Bestiariums, das man im 16. Jahrhundert vor der Burg angelegt hatte; eine grosse Parkanlage, die sich heute bei Rentner, Flaneuren und - mangels Spielplatz glücklicherweise - nicht allzu vielen beblagten Familien grosser Beliebtheit erfreut. Gerade läuft in Ambras eine grosse Draculaausstellung, die etwas für die Bekanntheit von Schloss und Museum tun könnte - allein, im Park geht es auch am Wochenende ruhig und angenehm zu.

Unten in Innsbruck, entlang der Marktstrasse bis zum goldenen Dachern und in den extrem modernen Rathauspassagen (kleiner Tip am Rande, so grässlich diese Mall ist, in ihr finden sich öffentliche Toiletten), finden sich dann die üblichen Touristenhorden mit den üblichen Bildern - in die Hofkirche gehen sie dann nicht mehr so oft, denn das kostet Eintritt, und die Jesuitenkirche kennen sie nicht, wie auch die kleinen Gassen, in denen das Tiroler Jungvolk, raucht, Gitarre spielt, singt und dennoch offenkundig keine Hundehaufen, rücksichtslose Raser und lärmenden Metropolenmob vermisst.

Nur in dieser Ruhe kann dann auch Eleganz, diese lässige Eleganz italienischer Prägung entstehen. ich bin ja bekanntlich absolut kein Kirchenfreund, aber die weisse Sommersoutane, in der der Priester da mit seinen Gläubigen vor den Barockjuwel ratscht, die hat was. Die standen auch schon vor einer Stunde hier. Und würde man mir erzählen, dass sie zwei Stunden später dann auf einem der vielen Grabsteine sitzen, ein Viertel Roten trinken und zusammen mit den Klampfenspielern aus dem Stadtzentrum ein paar Lieder singen - ich würde es sofort glauben. Die sind hier so lässig. Das steckt denen im Blut, weil sie Jahrhunderte lang eigentlich nichts anderes gemacht haben, als auf Durchreisende von und nach Italien zu warten, und ihnen vor der Passetappe das Geld abzunehmen, damit goldene Dächer und überladene Kirchen zu bauen, und davor Cafes einzurichten. Sowas prägt.