Mitten im Flohmarkt

“You are right in the middle of the Old Yaffa Flea Market”, hiess es auf einer Hotelwebsite, die ich bei der Suche nach einem Flohmarkt in Tel Aviv gefunden habe. Von dem Moment an war klar, wo ich mein Quartier aufschlagen würde. Und da bin ich also, inmitten des Flohmarkts von Jaffa. Was unten im Haus nicht der Eingang zum Hotel ist, sind die Läden der Antiquitätenhändler. Und von der Dachterasse aus kann ich zuschauen, wie sie neues Material anbringen, mit Lastwägen, in vollgestopften Autos oder mit dem Fahrrad.

Das Angebot ist eine krude Mischung von echten, alten Judaica über riesige Mengen von “zum Glück kann ich sie nicht transportieren” Kronleuchtern und “die könnten eventuell reinpassen” Apliken bishin zu nachgemachten Rokokotischen und frisch aus China importierten Kissenbezügen. Würde ich mich einrichten müssen, wüsste ich jetzt, wo ich schlichtweg alles finden würde. Besonders einen Spiegel venezianer Art - der passende Kronleuchter ist auch in diesem Laden, neben all dem Kitsch und der Hässlichkeit sonstiger Trümmer.

Tatsächlich findet man hier vor allem die zerstörte Identität der Zuwanderer: Grosse Mengen alter deutscher Bücher und Lexika beispielsweise, oder Stehlampen aus chinesischen Vasen, die im Amerika Mitte des letzten Jahrhunderts sehr beliebt waren. Das alles wurde über tausende von Kilometern in das neue Land geschleppt, und wurde nach dem Tod der Einwanderergeneration sinnlos in einem Land, das auf Stil und Luxus traditionell nichts gilt. Bücher in anderen Sprachen als Hebräisch waren ohnehin verpönt, und nach den Konflikten mit den Briten waren auch deren Teesitten nicht mehr wirklich gefragt, und die Spolien deren Verhaltensweisen finden sich nun auch hier, in diesem Fall direkt unten im Hotel.

Was für mich ein ausgesprochenes Glück ist, denn eine hinreissende Frau liess vor meiner Berlinreise durchblicken, dass sie Interesse an so einer englischen Teekanne hätte - und mein dortiger Hoflieferant war bis April restlos ausverkauft. Es ist schwer geworden, solche Kannen in Deutschland zu finden, aber nun geht die Kanne, die in England von einem Briten gemacht wurde und mit einem Einwanderer nach Israel ging, mit einem renitenten Jecken weiter nach Deutschland und wird dann den Schrank einer grandiosen Asiatin ankommen. Auch Kannen haben ihr Schicksal. Profaner geht es dann in den Ecken des Flohmarkts zu, in denen sich Spezialisten sammeln, wie hier die Händler für gebrauchte Kücheneinrichtungen.

Was ölverschmiert und verdreckt ankommt, wird hier auf der Strasse wieder verzeigbar gemacht, und nichts erinnert mehr an den Naturzustand, den man auf den Lastwägen besichtigen kann, sehr zur eigenen Beunruhigung. Die Vorstellung, wie es in den Küchen aussehen mag, aus denen diese Trümmer kommen, lässt einen überlegen, ob eine Diät aus gechlortem Wasser und getrockneten Aprikosen nicht eine prima Idee wäre - aber es naht Rettung, denn das GT-Blog und sein Autor testen am eigenen Leib das Angebot und stellen eine Liste empfehlenswerter Essgelegenheiten zusammen. Mit Blick in die Küche und ohne Magenprobleme.

6 Kommentare zu “Mitten im Flohmarkt”

  1. GT Blog » Blog Archive » Der Preis der Krisenregion. schreibt:

    […] Nachdem es dem Land auch sonst nicht wirklich prickelnd geht - viele junge Leute verlassen Israel de facto wegen “Studium” oder weil sie ihre High Tech Firma in Niederlassungen ins Ausland schickt - geht das auf die als Tourist erlebten Preise. Der Schekel sieht nicht nur aus wie Spielgeld, er ist es im täglichen Gebrauch auch. Dollar sind vielen Leuten ohnehin lieber, und auf dem Flohmarkt ist “Gimme Euro” ein oft anzutreffender Spruch. Israel ist, kurz gesagt, ein enorm billiges Reiseland, aber das hilft weder den Leuten hier weiter, noch der Wirtschaft, und auch nicht beim latenten Bedrohungsgefühl, das auch weiterhin die Touristen davon abhält hierher zu kommen. Preislich erinnert es an ein billiges, noch mehr runtergekommenes Neukölln mit schönem Wetter und schönen Menschen. Für Besucher mit Sinn für das Morbide und etwas Kribbeln der Gefahr sind es fast ideale Bedingungen - aber für die Israelis mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das nur rund 60% des deutschen Niveaus beträgt, ist das alles absolut kein Spass. […]

  2. Dr.Sno* schreibt:

    Gibt es keine Probleme mit der Ausfuhr von Antiquitäten? Mich haben ja die Zollbestimmungen inklusiver drakonischer Strafandrohungen erst kürzlich noch im Baltikum vor einigen Ausgaben bewahrt.

  3. Pathologe schreibt:

    Antike Bücher - die Frau Pathologin wäre da bestimmt dabei. Und so eine Teekanne, da käme auch ich ins Grübeln.

    Aber man kann nicht überall sein, leider. Gibt es denn wenigstens noch ein paar Fotos?
    (Vielleicht auch von den schönen Menschen?)

  4. donalphonso schreibt:

    Nun, ich werde es ausprobieren. Aber ich glaube nicht, dass meine Stücke schon als antik gelten. Die Kanne ist erst hundert Jahre alt, und der Empireleuchter so um die 160.

    Trotzdem, wenn ich so weiter mache…

  5. GT Blog » Blog Archive » Jaffaismus oder eine ehrliche Antwort schreibt:

    […] Aber auch nur dort. Denn Jaffa ist nicht nur ein einzigartiger Ort der westlichen Welt, es ist genau auf der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident, und letztlich nichts von alledem, es ist ein uneingelöstes Versprechen und beide Kontinente in ein paar Strassenzügen untrennbar verschmolzen. Auf dieser Felsnase im Meer hat keine Ideologie, keine Religion, kein Staat richtig begonnen, und das macht Jaffa so anders, von den verstaubten englischen Teekannen im Fenster eines Händlers bis zu den Teppichen des Iran, die nach zwei Stunden doch jemand mitgenommen hat. Jaffa ist eine Welt für sich. […]

  6. GT Blog » Blog Archive » Allenby Road Bibliomania schreibt:

    […] Dummerweise hatte ich weitaus mehr Platz auf der Speicherkarte der Kamera, als in meinem vom Flohmarkt überfüllten Gepäck. […]

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