Der vergessene Schlüssel
Im Norden der Altstadt von Mantua steht ein Palast des XVIII. Jahrhunderts; ein ausgesprochen grosser und qualitätsvoller Baukörper einer Zeit, in der Italien an den Rand der internationalen Entwicklung gedrückt wurde; Kaiser, Papst und der französische König machten gemeinsam das Land der Renaissance zum kleinstaaterischen, klerikalen Sumpf, und wer über das Leben in solchen Palästen mehr wissen will, lese Stendals Abrechnung mit den Duodezfürstern “Die Kartause von Parma”.

Man muss das Rokoko in Italien nicht mögen, zumal Städte wie Mantua aus älterer Zeit unendlich viel mehr zu bieten haben. Der Denkmalschutz kann in Italien gar nichts anderes als überfordert sein. Aber nebenan wird ein ausgebautes Dachgeschoss gerade für 400000 Euro verkauft; darauf hochgerechnet, wäre der Palast einen ordentlichen, zweistelligen Millionenbetrag wert. Und damit allein schon aus finanzieller Sicht weitaus mehr, als dass man es so verkommen lassen sollte, wie es gerade diesem Palast geschieht.

Ich kenne der Palast seit Jahrzehnten, und seit Jahrzehnten zerfällt er. So ein Gebäude hat eine Menge Widerstandskraft, aber irgendwann ist der Putz weg, und dann brechen die Steine aus der Mauer. Manchmal aber ist es in Italien so, dass Häuser von aussen nur verfallen wirken; von innen jedoch sind sie gepflegt und unfassbar schön. Man kann das bei diesem Palast nicht erkennen, denn er ist für die Öffentlichkeit geschlossen. Es sei denn, jemand hat in der Schliessanlage zum Tor den Schlüssel vergessen.

Ich weiss aus eigener Ansicht, wie unschön so ein dreistes Ausnutzen der Gelegenheiten ist. Ab und an muss ich selbst aus dem Hof meines ungleich bescheideneren Hauses Touristen nach draussen expedieren, die unbedingt das berühmte Todeszimmer sehen wollten, oder einfach nur reingingen, weil gerade nicht abgeschlossen war. Aber ich warte seit Jahrzehnten darauf, innen hineinzukommen, voller Hoffnung, die Zeit könnte noch nicht abgelaufen sein.

Die Fehler wurden vor vielen Dekaden begangen, denn solche Schadensbilder entstehen nicht in 20, 30 Jahren. Aber keine Generation der Besitzer scheint es für nötig erachtet zu haben, endlich etwas zu tun und die Zerstörung zu stoppen. Der Palast ist ein postapokalyptischer Alptraum des Rokoko, eine Dystopie für die Intentionen der Erbauer und Architekten, und ein Debakel, das mir lange nachhängen wird.

Das ist nicht nur ein Haus, ein Haufen Steine und etwas Putz. Das war eine gebaute Haltung, und es ist ein Verfall, geschuldet der Absenz jeglicher Haltung. Jedes Detail, jedes Ornament, jedes Objekt ist beschädigt und müsste dringend restauriert werden; manchmal reichte eine Drahtbürste, manchmal nur eine Radikalsanierung, und immer müsste jemand da sein, dem es die Sache wert ist.

Es ist ein altes Haus. So schlimm es aussieht, es ist fast noch besser, die Optik durch Kabel und Provisorien zu beeinträchtigen, als, wie an anderen Stellen geschehen in die Substanz einzudringen. So schlimm es auch aussehen mag; es steckt so viel Gutes, so viel Aufwand in dem Bau, das keine Nachlässigkeit und Schluderei bislang zerstören konnte.

Und jetzt? Ich habe es gesehen, meine Neugier befriedigt, ich weiss, wie es drinnen aussieht, weil jemand einen Schlüssel vergessen hat. Den Wunsch, den Schlüssel zu stehlen und in der Nacht wiederzukommen, ihn an Türen auszuprobieren und die Winkel des Hauses zu ergründen, konnte ich unterdrücken. Ich werde nie so ein Haus haben, nie entscheiden müssen, Millionen für die Restaurierung aufzutreiben, ich bin nur ein Aussenstehender, der seine Chance genutzt hat und am Ende weniger hat, als vorher: Weniger Hoffnung, weniger Vertrauen, weniger Zuversicht.

Bei uns brechen sie immer noch Jurahäuser ab und entkernen mittelalterliche Häuser, wenn die Investoren Gutachter entsprechend kaufen. Es ist immer schlimm, man muss sich dem stellen, und etwas tun. Bewusstsein schaffen. Das Eigene erhalten. Und hoffen, dass irgendwann einer kommt, für den es nicht einfach nur die alte Baracke der Familie ist.
15. May 2008 um 17:08
[…] Der vergessene Schlüssel Don Alphonso ist in Oberitalien unterwegs und betrachtet einen Palast aus dem 18. Jahrhundert […]