Mit etwas Abstand zwischen mir und Holland
Reisen bildet Bauchansatz und Vorurteile, pflege ich immer zu sagen, und das trifft meistens zu. Einerseits fahre ich stets in Regionen, die zum Essen einladen. Andererseits habe ich ein Gespür für famose Restaurants, was dafür sorgt, dass hier dann alle positiven Vorurteile eines Landes bestätigt werden. Hängt vor dem Lokal ein erschossenes Wildschwein wie einmal in der Maremma, gehe ich nicht hinein, und als ich zufällig in der Rua dos Anjos in Lissabon hinunterspazierte, dem berüchtigten Bordellviertel, dauerte es erst eine Weile, bis ich überhaupt begriff, wo ich hier war, bevor ich über eine Seitengasse entschwand und mir somit das klassische Bild der Alfama bewahrte, zu deren Füssen sich jedoch diese Strasse erstreckt. Sprich, ich bin sehr gut darin, mir meine Urteile unversehrt aus dem Urlaub heimzubringen.
Das war in Aachen, Köln, an der Mosel und rund um München-Klattpach nicht weiter schwierig, der Düsseldorfer Medienhafen ist so schlimm wie in den Erzählungen, und das Ruhrgebiet ist nur etwas grüner als erwartet, aber dennoch voller Nordostrheinländer, was das Fehlen von Russ und Schornsteinen mehr als aufwiegt. Ich habe in Syrien, dem amerikanischen Mittelwesten und Wien schlimmeres gesehen, es geht schon, es ist halt eine Art Österreich in flach mit den Berlinern des Westens.
Holland und Belgien haben mich vollkommen positiv überrascht. Ich erwartete einiges an Klischees, die teilweise erfüllt wurden: Die direkte Art der Leute, ihre Offenheit, die teilweise zur Herzlichkeit wurde, als ich aufgrund der Umstände erklärte, dass es da einen historischen Unterschied zwischen meiner Familie und “den Deutschen” gibt. Ich bin kein Spiesser, aber ich habe selbst ein Haus in der Stadt, dessen Vorplatz ich täglich reinige, und deshalb mag ich Gegenden, in denen jeder Respekt vor dem Haus des anderen hat und sich davor nicht wie ein Schwein benimmt. Holländer lieben ihre Häuser, und so runtergekommen oft ihre Autos sind, so überbordend sind die Gärten gepflegt und gehegt. Ich finde das wirklich grossartig. Weil sich jeder beteiligt. Weil jeder ein Gefühl dafür hat, dass der Ort eine Gemeinschaft ist. Zumindest war das in allen limburgischen Orten so, vom winzigen Eys, wo ich war, bis nach Maastricht. Es gibt sehr viel Altes, das mit Liebe bewahrt wird.
Normalerweise sind Grenzen keine definierten Übergänge. Wenn man vom Brenner an den Gardasee fährt, wandelt sich der Eindruck des Landes sehr langsam. Sterzing ist noch vollkommen Österreich, Brixen hat nur im Umfeld manchmal etwas italienisches, Bozen hat die feschistische Architektur längst wieder alpinisiert, sie föllt nicht mehr gross auf, und erst Trient ist dann Italien. Das gleiche Spiel kann man auch mit Frankreich machen, denn das Elsass ist nicht das Frankreich Burgungs oder der Auvergne. Zwischen Holland und Deutschland ist das anders. Es ändert sich hinter der Grenze alles. Die Dörfer werden schlagartig wunderschön, die Geschwindigkeiten fallen, die Häuser sind kleiner und überhaupt ist es wie in einer Puppenstube. Diese Miniaturisierung setzt sich in den Häusern fort, von denen manche aussehen, als habe man bewusst eine Seite abgeschnitten, um sie kleiner zu machen.
Mir gefällt dieser reduzierte Ansatz. Mir gefallen die vielen Restaurants und Kneipen, in denen nicht nur junge Leute sitzen. Mir gefällt das Miteinander, das nicht im Mindesten den Eindruck von Sozialkontrolle oder Unterdrückung unter eine herrschende Meinung macht.
Und ich finde es auch entspannend, dass meine alten, durch damailge Mitschüler entstandenen Vorurteile nicht wahr wurden. Wir hatten nämlich welche, deren erste Handlungen nach dem Erwerb des Führescheins eine Fahrt nach Holland in die Rotlichtviertel und Drogenszene war. Und prompt hinter der Grenze erwischt wurden. Was jetzt nicht wirklich stilgerecht ist, wenn Papa der CSU-Obermacker des Donaumooses und die Betroffenen führende Mitglieder der Jungen Union sind. ich habe nichts, absolut nichts von Drogen und Prostitution gesehen. Ich habe nichts dagegen, genausowenig wie ich etwas gegen Alkohol habe, aber ich selbst rauche eben nicht, ich trinke nicht, nehme keine Drogen und besuche keine Bordelle, das ist einfach meine individuelle Entscheidung. Es gab nur ein paar Orte, da wurde mir das zu viel und zu nah an mir dran; eine Modenschau in München etwa, ein Gründertreffen am See, dergleichen mehr, so etwas brauche ich wirklich nicht, und ich hatte die Befürchtung, Holland könnte…
Hat es aber nicht. Überhaupt nicht. Und deshalb kann ich sagen, dass Italien zwar näher und stets zu bevorzugen ist, aber ich jederzeit, wenn es mich nach Norden verschlägt, wieder nach Holland, genauer in das Limburgische gehen würde. Und ich gebe zu, dass ich vor dieser Reise nicht geglaubt hätte, so etwas zu schreiben.
17. June 2007 um 18:40
…wieder nach Holland, genauer in das Limburgische gehen…
bezeichne dann bitte aber keine limburger als holländer sondern als niederländer; dann werden sie nämlich noch freundlicher ;-)
17. June 2007 um 20:11
Freut mich, dass es Dir bei uns im ‘Heuvelland’ gefallen hat! Und das nächste mal schaust Du dann bitte auch in Vaals vorbei, gell!? :-)
17. June 2007 um 20:42
Es ist aber auch nicht einfach mit Dir, Don. Im Düsseldorfer Medienhafen, zum Beispiel, gibt es ein wundervolles französisches Restaurant: “Roberts Bistro”. Leider aber völlig vegetarierungeeignet. Vielleicht hätte das Deine Meinung geändert. Auch gibt es dort eine wundervolle Currywurst. Aber beim nächsten D-dorf-Besuch finde ich im Hafen auch noch was, was Dich überzeugt!
18. June 2007 um 2:39
Nächstes Jahr Mille Miglia. Und dann vergleichen wir.