Damnatio Memoriae
donalphonsoEs gibt Herrscher, die geben sich alle Mühe, ihre Stadt, ihre Umgebung, ihre Macht verantwortungsvoll zu nutzen. Sie machen Fehler, sie machen sich auch die Hände schmutzig, aber sie haben einen Verantwortungsbegriff und sind letzlich immer auf Ausgleich bedacht. Sie sind im Leben so, dass nach ihrem heimtückischen Tod durch mutmasslich päpstliches Gift keiner auf die Idee kommt, ihre Leichen zu schänden und ihre Gräber zu verunstalten.

Und so prangt bis heute das Leiterwappen der della Scala auf dem Prunkgrab des Grancano della Scala. Und würden es einem nicht die Tafeln daneben erklären, so könnte man doch aus dem Ensemble erschliessen, dass hier die früheren Herrscher ruhen - und zwar in Frieden.

Ein paar Meter weiter ruhen keine Toten mehr. Die, deren Wappen hier waren,liegen ganz woanders, denn hier haben sie nur gearbeitet, verwaltet, ausgebeutet und geherrscht, und als sie dann weggefegt wurden vom Sturm des Aufstandes und der Aufklärung, stellte man eine Leiter unten an den Palast, kletterte hoch, und pickte mit Hammer und Meissel die Fläche aus, auf denen einst der Stolz der Familien prangte.

Die wirklich grossen Herren, die an der Spitze des Systems, hatten sich bombastisch verewigt, in Stein und goldglänzender Bronze, von der nur die Löcher im Stein blieben; das Material selbst wurde zu Kanonen umgegossen, für andere, noch lebende Usurpatoren.

Und wer sich seinen Helmbusch oben auf das Wappen setzte, um die Abkunft von Reiterkriegern zu zeigen, der wurde mit einem kräftigen Hammerschlag hinuntergehauen, wo doie Zier dann wie ein fauler Apfel auf dem Platz zersprang.

Die Namen und Taten, in Stein “verewigt”, wurden wieder vergänglich gemacht, und zwar so, dass jedem klar wird: Es gibt keine Ewigkeit der Herrschaft, der steinerne Popanz fällt irgendwann dem groben Hammer und dem spitzen Meissel zum Opfer, so sich die Gelegenheit bietet.

Diese Gelegenheit kommt, denn irgendwann verliert die Macht, die für sich selbst Triumpfbögen errichten liess, und das Zeichen der Niederlage wird genau dorthin zurückgetragen, wo sie dereinst dachten, nichts könne sie jetzt noch aufhalten.

Und über allem thronen dann die zerstörten Reste ihrer Corporate Identity, ihrer erbärmlichen Krämerseelen, der Löwe, der doch nur für Pfeffersäcke und ihr stinkendes Bordell im Sumpf stand, für Ausgleich, Diplomatie und Seitenwechsel, bis irgendwann keine Seite mehr zum Wechseln da war und auch kein Ort mehr, um dem Stahl und dem weissglühenden Hass, der ihn in den Marmor treibt, zu entgehen.

Was an Brocken fällt, wird dann als Kehricht mit Hundekot und Abfall weggebracht in den Fluss, und die Geschichte lacht höhnisch über die Vollidioten und ihre Kriecher, die glaubten, dass ihre Lügen und Protzereien auf immer Bestand hätten.