Archiv für May 2006

Berlin Beige

donalphonso

Als der Wiener Architekt Otto Wagner 1894 die Aufgabe bekam, das Grossprojekt der Stadtbahn zu gestalten, ging er entlang der geplanten Strecken und sammelte Schmutz vom Boden. Der Schmutz war damals beonders Kohlenstaub, aber auch Pferdekot, Sand und Staub. Den gesammelten Schmutz mischte Wagner dann zusammen, und in dessen Farbe liess er dann die untere Seite der Lokomotiven und Waggons streichen. Der Schmutz der Strasse sollte dadurch an den Wägen nicht auffallen. Die Idee war famos und gehört heute zum Basiswissen aller Objektgestalter und Architekten. Leider. Denn damit wurde Beige gewissermassen erfunden und kam grossflächig zum Einsatz. Denn nicht nur Züge verschmutzen, sondern auch Häuser. Was also läge näher, als die Häuser auch schmutzig zu streichen, noch dazu in einer “unbegrenzten Grossstadt”, um den Begriff von Wagners theoretischem Hauptwerk auf Berlin anzuwenden? Folglich ist nicht grau, sondern beige, eine eher dunkle Variante die beherrschende Tönung der Stadt; Farbe mag man kaum sagen, zu sehr schlucken die vielen gezielt verschmutzten Wände das Licht und die echten Farben. “Nur etwas Praktisches kann schön sein”, sagte Wagner. Dank der Berliner Neigung, vom Altbau über Sanierung bis hin zu den modernsten Multiplexkinos auf Beige zu setzen, wissen wir: Praktisch kann auch hässlich sein. Eine beige Wand muss man nur selten streichen, denn aller Schmutz macht sie nicht scheusslicher, als sie ohnehin schon ist.

Extrem pflegeleicht und besonders an Bauten der 70er Jahre beliebt ist dabei eine Version, bei der man sich sogar das Streichen sparen kann: Aus kleinen, verschieden gefrärbten Kieselsteinen wird Beige zusammengemischt und als Putz aufgetragen. Keine Probleme mehr - vom trostlosen Anblick abgesehen.

Immerhin war die Methode so beliebt, dass man in den 70er Jahren damit auch alte Häuser nach”besserte”. Dieses Schild befindet sich an einem ehemals hochherrschaftlichem Haus an einer früheren Prachtstrasse im Wedding. Da, wo sich heute Beige über sieben Stockwerke erstreckt, war früher Stuck und Farbe.

Aber auch monumentale Prachtbauten der stalinistischen Ära griffen auf Beige zurück. Hier sind es keine Kiesel, sondern vorgeblendete Steinplatten. Ein Verfahren, das sich heute bei Einkaufszentren und Bürokomplexen wieder grösster Beliebtheit erfreut - monumental und pflegeleicht, Beige kann sozialistisch und kapitalistisch.

Beige ist in voller Aktion zu bewundern, wenn es erst mal bergab geht mit der Bausubstanz. Selbst, wo beiger Verputz wegbricht, passen sich die Ziegel nach etwas Verwitterung an. Wasserschäden durch rostige Rohre oder ablaufenden Regen über gammelnde Fensterbretter fügen dunkle Partien hinzu, aber ändern nichts an Beige. So kommt diese Fassung der hiesigen Lockerheit der Hausverwaltungen entgegen.

Beige ist so monoton und hässlich, dass andere Bausünden nicht mehr sonderlich auffallen. Ist ein Haus des frühen 20. Jahrhunderts erst mal beige, bemerkt man kaum die extrem unpassenden Rolläden, die die originalen, fein gegliederten Fensterstöcke verschandeln. Beige ist der frustrierende, dem Auge keinen Halt bietende Overkill, eine Aufforderung, nicht genau hinzusehen.

Und es zieht auch gleich die Umgebung runter. Nichts kann so weiss, so bunt, so frisch gestrichen sein, dass ein beiges Nachbargebäude nicht viel von der Frische und Freude aufsaugt. Beige ist ein Virus, eine Pest, ein offenes Geschwür in der Stadt. Beige macht Berlin hässlich und definiert es gleichzeitig vom Plattenbau in Lichtenberg bis zum Reichstag. Man kann nichts dagegen tun, noch nicht mal begünen hilft in einem Klima, das Grün nur wenige Monate erlaubt. Wenn es um Restauierungen geht, greifen viele gleich wieder zu beige, ist auch egal und praktisch obendrein. Berlin ist die Hauptstadt des Beige.

Monotones, immer gliches Beige ist gleichzeitig auch der Grund, warum das Reisen nach Berlin so gegen das Reisen nach Italien abfällt. Auch in Italien, hier etwa in Arco, gibt es Zerfall, und es gibt Beige.

Aber die Farben sind so kräftig und intensiv, dass Beige dagegen keine Chance hat und eher ergänzt als dominiert, zumal es strukturiert ist, sich aus vielen grösseren verwitterten Farbflecken zusammensetzt. Es ist eine andere Art Beige, eine in die Umgebung passende Naturfarbe und nicht die Negation der Natur zugunsten von Effektivität und Uniformität in Berlin. Es ist der richtige, chaotische Zerfall über Jahrzehnte, der irgendwann wieder leuchtendes Gelb oder sattes Orange sein wird. Das ist der Unterschied. Deshalb hasse ich Beige in Berlin, und mag es in Italien.

Geschirrmachert

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