Vockerode revisited
donalphonsoso won´t you come close, bring this to an end
yello, the rhythm divine
Es sind 530 ziemlich langweilige Kilometer von Berlin nach Hause. Am schlimmsten sind die ersten 170 Kilometer bis hinter Leipzig, eine öde Strecke, alles flach und wenig ansprechend. Die Autobahn ist gut ausgebaut, eine echte Bleifussgegend. Man könnte einfach in den Abend hinein durchfahren.

Aber an der Elbe ist eine Brücke, und von dort aus sieht man Vockerode, früher eine Stadt mit 13.000 Einwohnern und einem der grössten Kohlekraftwerke der DDR. Früher reckten sich vier Schornsteine in den Himmel, aber die wurden schon vor Jahren gesprengt. Vorletztes Jahr habe ich den Ort ein paar mal besucht und drei Bilder Serien veröffentlicht. In einem Gebäude am rand der Ruinenkomplexe war noch erlennbare Aktivität, die Fenster waren nicht eingeworfen, und auch ein Blumenladen hatte sich im Trümmerareal gehalten. Ich bin auch diesmal wieder runter von der Autobahn und habe geschaut, was sich dort ereignet hat.

Der Blumenladen ist immer noch da, genauso wie der grosse, leere Parkplatz davor und der Gebäudekomplex dahinter.

2003 oder früher hat jemand an die Aussenwand einen fünfzackigen Stern gemalt. Seitdem ist nichts mehr passiert, man hat ihn aber auch nicht entfernt.

Das Gebäude dahinter gehörte zur grossen Blumenzuchtanlage, die mit dem Kühlwasser des Kraftwerks beheizt wurde. Die riesigen Gewächshäuser bei Vockerode sind heute verschwunden, nur dieses Gebäude erinnert noch daran.

Die Vegetation ist hier kein Zufall, sondern bewusst angelegt. Im hohen Gras und den wuchernden Bäumen und Sträuchern hat sich diese Lilie bislang halten können.

Im Eingang ist, wie so oft bei DDR-Bauten, Kunst am Bau. Die Blumenkeramik hat noch kein Vandale angetastet.

Neben dem Eingang ist ein zerbrochenes Fenster nur provisorisch mit einer Holzplatte vernagelt. Dahinter sieht man vor einer Blümchentapete weisse Resopalschränke, deren Nummerierung heute bedeutungslos ist.

Möglicherweise sind Vandalen über dieses Fenster eingestiegen und haben die Räume verwüstet. Zumindest legt das der Müll im Aufgang nahe.

In den oberen Stockwerken wurden einige Fenster von aussen eingeworfen. Jemand hat zwar die Splitter entfernt, aber das Gebäude ist jetzt den Witterungen ausgesetzt. Ganz zu schweigen von Tieren und Ungeziefer.

Weiter hinten waren die Sanitäranlagen, aber auch Laborräume. Man hat sich bei der Aufgabe der Räume keine besondere Mühe gegeben

An der Tür geben Schilder Auskunft über die Geschichte. Zwei Zettel besagen, dass die hier ansässigen Praxen Anfang 2005 ausgezogen sind. davor hat noch jemand einen Proteststicker gegen die Praxisgebühr hingeklebt. Angeblich ist das gebäude eine Baustelle.

Im ersten Stock hat jemand mit kleinen Stickern das Wort “AGGRO” an die Scheibe geklebt. Was ich irgendwo verstehen kann, wenn damit nicht ein Plattenlabel gemeint ist.

Manche Räume sind weniger verwüstet, als vielmehr komplett leergeräumt. Hier war vor eineinhalb Jahren noch Leben festzustellen.

Der Bau ist nur sieben Kilometer von Dessau, der Heimat des Bauhauses entfernt, und das hat sich in der Architektur niedergeschlagen.

In den 60er Jahren, als es errichtet wurde, muss es mit den wabenfömigen Blenden vor dem Treppenaufgang sehr freundlich ausgesehen haben.

Im Garten sind überall noch die silbernen Rohre für das warme Wasser aus dem Kraftwerk, das hierher gepumpt wurde. Sie sind weitgehend überwuchert und kaum beschädigt.

Da, wo ich herkomme und jetzt wieder hinfahre, will man dieses Deutschland nicht sehen und kennen. Es wird ja auch weitgehend ignoriert, obwohl es direkt an der Autobahn liegt. Man müsste nur hinschauen. Es hat sogar seinen eigenen Reiz. Zumindest muss es dokumentiert werden, so hilflos man ist, wenn man danach schon an der Grenze zwischen Tag und Nacht in die Wohlstandszone zurückfährt.